Türkei

Erdogans Glanz und Gloria

Pünktlich zum Nationalfeiertag weiht der türkische Präsident seinen neuen weißen Palast ein

4.500 Lira brauchte Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der Republik Türkei, um 1923 das Cankaya Kösk als Amtssitz des Präsidenten erwerben zu können. Um die Summe aufzutreiben, half ihm der Großmufti von Istanbul, indem er in der Gemeinde Geld sammeln ließ. So konnte das ehemalige Weingut auf einer Anhöhe Ankaras gekauft werden. Heute ist Recep Tayyip Erdogan Präsident des Landes und macht deutlich, dass er für seine „Neue Türkei“, wie er sie bereits nennt, ganz andere Vorstellungen hat. Dies manifestiert er nun kurzerhand, indem er zur Empörung seiner politischen Gegner den Amtssitz Atatürks verschmäht und stattdessen in einen Prunkpalast umziehen wird. Für den Bau sollen fast 700 Millionen Lira nötig gewesen sein, wie türkische Medien berichten. Noch dazu soll das Anwesen ohne Baugenehmigung in den Atatürk Forst, ein Natur- und Denkmalschutzgebiet, gesetzt worden sein. Zwar haben Gerichte mehrfach einen Baustopp angeordnet, durchgesetzt wurde dieser allerdings nie. Stattdessen schlug der Präsident seinen Kritikern vor, dass sie den Palast ja abreißen könnten – wenn ihre Macht dazu ausreiche.

Statt auf dem ehemaligen Weingut mit Blick über die Hauptstadt zu residieren, wird Erdogan versteckt hinter hohen Mauern vom wohl modernsten Regierungssitz der Welt aus die Geschicke des Landes leiten. Dabei will er sich auf etwas besinnen, das älter ist als die Republik Atatürks, nämlich die Glanzzeit der Seldschuken. 1071 siegten diese in Manzikert im Südosten der Türkei gegen das Königreich Byzanz, dies war der Beginn der Landnahme in Anatolien durch die Türken und der Beginn der Islamisierung in der Region.

Erdogan ließ anordnen, dass sein Palast sich an der Architektur dieser seldschukischen Vorfahren orientieren möge und der Architekt Sefik Birkiye ließ sich das nicht zweimal sagen. Immerhin soll dieser neu geschaffene Stil tausend Räume gestalten – so viele Zimmer soll das neue Zentrum der Macht nämlich haben. Darunter nicht nur eine dreistöckige Residenz für Erdogan und seine Familie, sondern auch Amtszimmer, Tennisplätze, Wintergärten, selbstverständlich einen Hubschrauberlandeplatz und ein riesiges Kongresszentrum.

Erdogan selber preist den Palast, der sich über ein Areal in der Größe von zehn Fußballfeldern erstreckt, als zwingend nötig an: „Die neue Türkei muss sich durch etwas hervorheben. Unsere Botschaft muss sein, dass Ankara eine seldschukische Hauptstadt ist. Gleichzeitig spiegelt sich der Einfluss der modernen Welt wider. Das sind die Notwendigkeiten eines großen Staates“, erklärt er. Allerdings muss er sich von Historikern, wie beispielsweise von Professor Ilber Ortayli korrigieren lassen. Dieser war bis 2012 Direktor des Topkapi Palasts in Istanbul. Seit er das nicht mehr ist, kämpft er gegen die Unwissenheit seiner Landsleute an und klärte den Präsidenten darüber auf, dass Ankara niemals seldschukische Hauptstadt war.