Terror

Wenn die Geisel zum Sprachrohr wird

Terror-Milizen veröffentlichen Video mit dem entführten britischen Journalisten John Cantlie

John Cantlie trägt ein schwarzes Hemd. Langsam, konzentriert und augenscheinlich entspannt geht der Brite auf die Kamera zu. Im Hintergrund sind bombardierte Häuser zu erkennen, Cantlie spricht und gestikuliert, wie es ein erfahrener BBC-Kriegsreporter nicht besser könnte. Doch hinter dieser Szene steckt nichts als die zynische Brutalität der IS-Terroristen. Denn John Cantlie ist seit bald zwei Jahren deren Geisel. Er wurde nahe der türkisch-syrischen Grenze entführt, kurz vor dem Verlassen des Kriegsgebiets hatte er in einem Café noch ins Internet gehen wollen. Diese Entscheidung wurde sein Verhängnis.

Offenbar hat Cantlie vom IS für die seit dem Spätsommer veröffentlichten Geiselvideos eine Rolle bekommen: die des Propagandasprachrohrs. Das zeigt schon seine schwarze Kleidung. Sechs Videos gibt es bisher von dem 43-Jährigen, sie haben sogar einen Serientitel: „Leih mir dein Ohr.“ Acht Stücke soll es laut IS-nahen Internetseiten geben, und man mag nur die bange Hoffnung haben, dass Cantlie danach nicht dasselbe Schicksal ereilt und er vor laufender Kamera enthauptet wird wie vier andere Gefangene vor ihm.

Professionell geschnittener Film

„Die Schlacht um Kobane geht ihrem Ende zu. Die Mudschaheddin fegen jetzt nur noch die Straßen“, hört man Cantlie in dem sehr professionell geschnittenen Video im Stil eines westlichen TV-Reporters sagen. Freunde des freiberuflichen Fotojournalisten mögen aus den Bildern vagen Optimismus schöpfen, denn der Gefangene wirkt körperlich ein wenig besser als in den vorhergehenden Aufnahmen, in denen er im Guantánamo-Orange vor einem schwarzen Hintergrund sitzt. Vor allem aber mag es Cantlies Art sein, die vielleicht sein Leben retten könnte. „Er ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Reportern in diesem Konfliktgebiet“, sagt der „Times“-Journalist Tim Rayment. Er und Cantlie berichteten gemeinsam für die Zeitung aus Krisenregionen und wurden Freunde. „Seine Fähigkeit zur Empathie ist sein Vorteil. Er kommt mit wirklich jedem zurecht, hat wertvolle Kommunikationstalente und einen tiefen Respekt für den Islam.“ Außerdem sei Cantlie ein begnadeter Schreiber. Die geschliffenen Texte, die er für die IS-Propaganda verlesen muss, zeugen von eigener Handschrift, meinen Freunde zu erkennen.

Und Cantlie hat enormen Mut. Bereits im Sommer 2012 war er in Syrien entführt worden, konnte aber mithilfe der Freien Syrischen Armee fliehen. Schon damals traf er auf Landsleute – Dschihadisten mit britischem Pass, die den befreiten Geiseln zufolge zu den schlimmsten Peinigern gehören. Trotzdem kehrte Cantlie nach Syrien zurück, und IS-Aktivisten nahmen ihn vor Weihnachten 2012 erneut als Geisel.

Mit dem neuen Propagandavideo richtet sich der Blick auch wieder auf das umkämpfte Kobane. Kurdische Kämpfer aus dem Irak sind einem Politiker zufolge zu der von Islamisten belagerten syrischen Stadt aufgebrochen. Hermin Hawrami von der Demokratischen Partei Kurdistans schrieb auf Twitter, die Peschmerga würden zunächst von Erbil aus in die türkische Stadt Silopi fliegen. Von dort aus würden sie sich auf dem Landweg nach Kobane aufmachen. Die Grenzstadt wird seit mehr als einem Monat von IS-Terroristen belagert. Es wird ein Massaker an der kurdischen Bevölkerung befürchtet, sollten die Islamisten den Ort vollständig einnehmen.

Angriffe der US-Luftwaffe

Die Türkei hatte nach längerem Zögern zugestimmt, die etwa 150 irakischen Kurden-Kämpfer durch ihr Staatsgebiet ziehen zu lassen. Der kurdischen Autonomieregierung im Irak zufolge sollen sie aber nicht an der Front kämpfen, sondern Artillerie-Unterstützung leisten. Die US-Luftwaffe greift seit Wochen IS-Stellungen in der Umgebung von Kobane an, um die Kurden zu unterstützen. Das Central Command der US-Streitkräfte gab gestern die Zerstörung einer Einheit der Islamisten und vier ihrer Gefechtsstellungen bekannt. Im Video des IS hört sich das aber ganz anders an: Die Stadt sei schon fast ganz in der Hand der IS-Kämpfer und es gebe keine kurdischen Verteidiger oder Peschmerga-Kämpfer, muss John Cantlie behaupten.