assistierter Suizid

Die größten Irrtümer zur Sterbehilfe

Unbewiesene Behauptungen und Missverständnisse prägen die Diskussion. Eine Richtigstellung

Im kommenden Jahr entscheidet der Bundestag, ob die organisierte Sterbehilfe verboten oder reguliert wird. In der hochemotionalen Debatte werden immer wieder falsche Behauptungen aufgestellt. Ein Überblick über die gröbsten Irrtümer und die Richtigstellung.

Die Rechtslage ist unklar

Falsch Eindeutig verboten ist die Tötung auf Verlangen, etwa mit einer Giftspritze. Straffrei ist die Beihilfe zu einem freiverantwortlichen Suizid, beispielsweise durch die Beschaffung eines tödlichen Medikaments, das der Suizident selbst einnimmt. Und gesetzlich vorgeschrie-ben ist der Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen, wenn der Patient sie ablehnt. Es ist die organisierte Ärzteschaft, die für Verwirrung sorgt. Von den 17 deutschen Landesärztekammern verbieten zehn die Suizidbeihilfe. Die sieben anderen Kammern haben keine Vorschriften oder legen nur fest, dass Ärzte keine Suizidbeihilfe leisten „sollen“. Im staatlichen Strafrecht gibt es nur Klärungsbedarf vor Gericht, wenn ein Suizidhelfer während des Sterbeprozesses anwesend und untätig bleibt. Dann stellt sich die Frage nach unterlassener Hilfeleistung. Gerichte aber sehen da von der Bestrafung ab, sofern der Suizid freiverantwortlich von einem Volljährigen verübt wurde und es keinen Hinweis auf die Einschränkung der Willensfreiheit gibt.

Suizidbeihilfe zerstört das Arzt-Patienten-Verhältnis

Falsch Es gibt keinen Hinweis, dass Patienten das Vertrauen zu Ärzten verlieren, wenn Letztere beim Suizid helfen würden. In Belgien, wo die in Deutschland verbotene Tötung auf Verlangen zugelassen ist, hat seit dem Inkrafttreten dieser Gesetze das Vertrauen in die Ärzte sogar zugenommen. Ähnliches ergaben Umfragen in Deutschland. Und 2013 ergab eine Studie bei Schwerstkranken, dass die Offenheit der Arzt-Patienten-Beziehung beeinträchtigt wird, wenn die Menschen das Gefühl haben, Ärzten sei alles bei der Sterbehilfe verboten.

Ob ich sterbe, geht nur mich etwas an

Falsch Viele Sterbehilfebefürworter verdrängen, dass ein Suizid Angehörige und Freunde in Verunsicherung und Schuldgefühle stürzt. Von jeder Selbsttötung sind durchschnittlich sechs andere Personen existenziell betroffen, sagt die Weltgesundheitsorganisation. Viele Hinterbliebene kommen von Selbstvorwürfen nicht los. Dazu kann es auch nach assistierten Suiziden kommen.

Ein Gesetz für Suizidhilfe setzt Kranke unter Druck zu sterben

Unbewiesen In keinem Staat mit liberalen Sterbehilfegesetzen gibt es belastbare Hinweise, dass sich Menschen durch jene Regelungen bedrängt fühlen, sich zu töten. Indizien deuten eher in die entgegengesetzte Richtung. So finden sich in Sterbehilfevereinen immer wieder Mitglieder, die unbedingt vermeiden wollen, dass ihre Familie von ihrer Mitgliedschaft erfährt. Wenn es also überhaupt einen sozialen Druck gibt, dann den, am Leben zu bleiben. Diesem Druck versuchen sie sich durch Schweigsamkeit gegenüber ihren Familien zu entziehen. Im Übrigen müsste ein sozialer Druck zur Lebensbeendigung längst erkennbar sein. Bisher gibt es keiner Hinweise, dass dabei die Patienten unter Druck gesetzt würden, endlich zu sterben. Umgekehrt bitten viele Patienten von sich aus die eher widerstrebenden Ärzte oder Angehörigen darum, sterben zu dürfen.

Palliativmedizin tötet auch

Falsch Es hält sich der Irrtum, in der palliativmedizinischen Betreuung von Sterbenskranken komme es zu einer vorzeitigen Lebensbeendigung. Daraus leiten Sterbehilfebefürworter ab, man könne deshalb auch die ärztliche Sterbebeihilfe gesetzlich freigeben. Dem aber liegt ein Irrtum über die palliative Beruhigung (Sedierung) zugrunde. Bei ihr erhalten Menschen mit starken Schmerzen oder großer Angst vor dem Sterbeprozess Medikamente in so hoher Dosierung, dass sie bewusstlos werden. Das Vorurteil besagt, dass bei diesen Menschen der Tod schneller eintrete, es sich streng genommen also um ein Tötungsdelikt handele. Doch bei der Sedierung tritt der Tod sogar etwas später ein, die Organe versagen weniger rasch als bei Leidenden, die bei Bewusstsein sind. Sedierung ist also keine vorzeitige Lebensbeendigung und liefert daher kein Argument für die Zulassung ärztlicher Suizidbeihilfe.

Es kommt zum Dammbruch

Unbewiesen In den Niederlanden sind zwar die Zahlen der Tötungen auf Verlangen gestiegen, aber dies will niemand in Deutschland einführen. Diskutiert wird nur die Suizidbeihilfe. Die ist in den Niederlanden ebenfalls erlaubt, auch für Ärzte. Aber da verharren die holländischen Zahlen auf niedrigem Niveau. Holland liefert also keine Belege für Ausweitungstendenzen. Bestätigt wird dies im US-Bundesstaat Oregon, wo nur die Suizidbeihilfe in sehr engen Grenzen erlaubt ist. Dort sind die Werte zwischen 2010 und 2012 sogar leicht gesunken und liegen nun bei lediglich 0,23 Prozent aller dortigen Sterbefälle. In der Schweiz allerdings haben die Suizidassistenzen bei den dortigen Vereinen deutlich zugenommen. Diese Vereine aber beschränken sich nicht auf jene Fälle, über die in Deutschland diskutiert wird. Vielmehr können in der Schweiz auch weitgehend gesunde Hochbetagte Suizidbeihilfe erhalten. Die Schweizer Entwicklung eignet sich folglich nicht zur Beurteilung von Regelungskonzepten, die auf Sterbenskranke begrenzt werden sollen.

Der Staat darf sich nicht einmischen

Falsch Beim Sterbehilfeverein von Roger Kusch wird vermutet, dass mehrfach Suizidbeihilfe bei Menschen geleistet wurde, die ihren Sterbewunsch möglicherweise aufgegeben hätten, wenn ihre psychische Erkrankung richtig behandelt worden wäre. Eine geregelte Supervision der Sterbehelfer wäre also ebenso nötig wie eine behördliche Kontrolle. Unklar ist zudem, ob diese Sterbehelfer ausreichend über Alternativen zum Suizid beraten, also vor allem palliativmedizinische Möglichkeiten.

Ärzte und Richter wissen am besten, was zu tun ist

Falsch In einer Umfrage unter Vormundschaftsrichtern, bei denen Streitfragen am Lebensende oft landen, verwechselten 34,5 Prozent die vorgeschriebene Beendigung einer künstlichen Beatmung auf Wunsch des Patienten mit einer verbotenen „aktiven Sterbehilfe“. Und immer wieder werden Fälle berichtet, in denen Ärzte bei lebenserhaltenden Maßnahmen wie einer künstlichen Ernährung nicht fragen, ob es dafür eine medizinische Indikation gibt. Bei schwer dementen Personen ist diese Indikation oft nicht gegeben. Mithin ist die Magensonde da sogar ein Kunstfehler.