Kommentar

Die richtigen Weichen stellen

Jens Anker über die Flüchtlinge in Berlin und die Politik des Senats

Rund 1500 Flüchtlinge sind allein im Oktober nach Berlin gekommen, 12.000 werden es im ganzen Jahr sein. Die Zuwanderung nach Europa aus den Krisengebieten der Welt steigt seit Monaten ständig an. Auch Berlin muss dazu seinen Teil beitragen – und leistet das auch. Die Suche nach Unterkünften erreicht jetzt mit dem Bau von Traglufthallen auf Sportplätzen einen neuen Höhepunkt. Denn ein Ende des Zustroms ist nicht in Sicht.

Es ist ein gutes Zeichen, dass die Berliner gerade in diesen Wochen ein Beispiel ihrer Toleranz und Weltoffenheit geben. In vielen Bezirken entstehen Willkommensbündnisse von Anwohnern, die sich den Neuankömmlingen zuwenden statt ihnen die kalte Schulter zu zeigen. Unsägliche „Das-Boot-ist-voll“-Parolen hört man nicht. Und das, obwohl die Situation tatsächlich dramatisch ist. Fast täglich eröffnen neue Unterkünfte in der ganzen Stadt, Bezirke wie Lichtenberg nehmen längst mehr Flüchtlinge auf, als sie sollten. Aber überall ist die Einsicht vorhanden, dass den Menschen, die oft alles hinter sich gelassen haben und häufig schwer traumatisiert sind, vor allem Hilfe benötigen. Auch wenn es erst einmal nur ein Bett in einer luftigen Halle ist, wie jetzt vom Landesamt für Gesundheit und Soziales verordnet.

Es gibt derzeit glücklicherweise keinerlei Anzeichen dafür, dass die Stimmung kippt. Das gelingt auch dank einer transparenten Politik des aktuellen Krisenmanagers Mario Czaja (CDU). Der Sozialsenator macht jeden seiner Schritte transparent öffentlich – auch wenn die Bezirke sich mehr Mitspracherecht bei der Auswahl der Standorte wünschen.

Jetzt besteht außerdem die Chance, aus Fehlern der vergangenen Zuwanderungswellen der 60er-Jahre (Türkei), der 70er (Libanon) und der 90er (Ex-Jugoslawien) zu lernen. Denn die Unterbringung der Flüchtlinge ist das eine, eine vernünftige Integration für sie etwas anderes. Dass Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien oder anderen Krisengebieten in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückkehren können, ist angesichts der labilen politischen Lage schwer vorstellbar. Umso wichtiger ist es, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, Sprachunterricht bereitzustellen und dafür zu sorgen, dass die Kinder zügig in den Schulbetrieb eingegliedert werden. Jeder jetzt investierte Euro spart riesige Ausgaben in der Zukunft. Fatal wäre, wenn die kommende Generation ohne Sprachkenntnisse und Schulabschlüsse in den sozialen Hilfssystemen landet.