Terror

„Ich habe meine Freunde fallen sehen“

Kurdische Männer, Frauen und Kinder melden sich freiwillig für den Kampf. Rückkehrer berichten von Gräueltaten des IS

Im türkischen Flüchtlingslager Yumurtalik lebt die Verzweiflung. Staub, Schmutz, umherfliegende Plastiktüten. Dazwischen Flüchtlinge aus Syrien, mitten im Niemandsland. Alle Ankömmlinge werden registriert, müssen sich sofort impfen lassen. Dann werden sie weitergereicht, an andere Lager, in Krankenhäuser, Behelfsunterkünfte. Eyup kommt gerade über die Grenze. Es ist nicht schön hier, aber sicher. Er ist geflüchtet aus seiner syrischen Heimatstadt Kobani, in der täglich gestorben wird, seit die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die kurdische Grenzstadt angegriffen und bereits mehrere Stadtteile erobert hat. Die Kämpfe konzentrieren sich im Moment auf den Osten der Stadt.

Keine Wahl außer der Flucht

Eyup wollte nicht hierher, nur ungern betritt er türkischen Boden. Aber eine Wahl hat er nicht, denn er will leben. Aus Kobani sind die meisten Zivilisten geflohen. Kurdische Kämpfer verteidigen jedes Haus, jede Straße gegen die heftigen Angriffe der Islamisten. Die Kurden stehen allein gegen eine waffentechnisch weit überlegene Miliz und können den vom IS eroberten US-Waffen und Panzern aus irakischem Bestand nicht viel mehr als ihren Mut und ihre Ortskenntnis entgegensetzen. Sie fühlen sich von der Welt im Allgemeinen und von der türkischen Regierung und Präsident Recep Tayyip Erdogan im Besonderen verraten. „Wenn Erdogan behauptet, dass er den Kurden hilft, dann kann ich nur eins dazu sagen: Er lügt!“, sagt Eyup.

Eyup hat viel erlebt und gesehen in den vergangenen Tagen. Sein Bruder ist auf der Flucht in die Türkei in ein Minenfeld geraten und hat bei einer Explosion beide Beine verloren. Drei Minenopfer gibt es hier pro Tag. „Wir mussten unsere Autos, Tiere und Häuser zurücklassen“, empört sich Eyup. „Viel schlimmer ist, dass ich einen Teil der Familie zurücklassen musste. Einige kommen hier rein, andere nicht. Meine Mutter ist 80 Jahre alt und musste sechs Tage ausharren auf der syrischen Seite, bevor sie hier reingelassen wurde. Hätten meine kurdischen Landsleute aus der Türkei kein Wasser über den Grenzzaun geworfen, sie wäre verdurstet. Und das türkische Militär sieht alles tatenlos mit an.“

Aber nicht alle Soldaten sind unbeteiligt. Die türkische Armee ist durchmischt mit Kurden, die Erdogan bisher treu ergeben waren. Nun aber beginnen sie zu zweifeln. „In meiner Brust schlagen zwei Herzen“, sagt ein Uniformierter, der seinen Namen aus Angst vor Repressalien nicht nennen will, „ich bin Kurde und sehe, wie meine Landsleute leiden. Aber natürlich gibt es unter den Kurden auch Provokateure, die Unruhe stiften und dieses Land spalten wollen. Was soll ich tun?“, fragt er verzweifelt.

Aziz ist Vater von fünf Kindern und auch gerade über die Grenze gekommen. Er war in Kobani ein angesehener Mann mit viel Land und Vieh, nun ist er „nur noch ein Flüchtling“. Sonderlich religiös war er nie, aber natürlich bezeichnete er sich als gläubiger Muslim. Seit den barbarischen Übergriffen der Terrormiliz auf seine Heimatstadt ist das vorbei. Aziz hat seinen Glauben jetzt vollständig verloren, jedenfalls jenen, den die IS-Terroristen propagieren. „Diesen Islam habe ich nicht verstanden. Sie sagen ,Im Namen Allahs‘ und ,Mohammed ist der Gesandte Gottes‘, so wie wir auch. Aber dann schlachten und köpfen sie uns und rufen ,Allahu akbar‘, Gott ist größer. Dann bin ich kein Muslim.“

Die Kurden von Kobane sind gezwungen, sich selbst zu organisieren. Wie das aussehen kann, lässt sich in der Zentrale der kurdisch-syrischen Partei PYD und ihres bewaffneten Arms, der Volksverteidigungsmiliz YPG, in Suruç beobachten, einer türkischen Kleinstadt kaum acht Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt. Bis zu 1000 Menschen drängeln sich auf den Fluren und in den Zimmern des zweistöckigen Gebäudes. Gerade hat es heftige Gefechte in Kobani gegeben, in der Zentrale verbreitet sich die Nachricht schnell, dass einige YPG-Soldaten im Kampf gegen die IS-Fanatiker gefallen sind.

Alle hier sind bereit, in den Krieg gegen den IS zu ziehen: alte Männer, pubertierende Kinder, junge Frauen. Sie alle stehen vor der YPG-Rekrutierungsstelle Schlange. Es schreckt sie auch nicht, was die Zurückkehrenden von der Front berichten. „Die Situation ist schlechter, als die Menschen denken“, sagte ein Kämpfer der Volksschutzeinheiten, der gerade aus Kobani über die Grenze nach Suruç gekommen ist. „Viele sind schwer verletzt und noch immer in Kobani. Es war nicht möglich, sie rauszubringen. Der IS ist sogar noch näher gekommen.“ Die 21-jährige Alisar studiert Politik in Diyarbakir, der zweitgrößten Stadt in Südostanatolien. Auch sie will gegen den IS kämpfen, der „uns unserer Ehre und unseren Stolz genommen hat. Ich kämpfe für die verkauften und vergewaltigten jesidischen Frauen in Singal. Wir sind zwar muslimische kurdische Frauen, aber wenn wir uns nicht wehren, wird aus Kobane ein zweites Singal.“

Mit 13 Jahren in den Kampf

Sihar ist 13 Jahre alt und kommt gerade von der Front in Kobani. Sein Vater kämpft dort noch immer. Stolz erzählt er: „Ein Kämpfer kennt keine Angst, ich bin stolz darauf, meine Stadt verteidigen zu dürfen.“ Dann aber wird sein Ton trauriger, ehrlicher wahrscheinlich. „Ich habe meine Freunde fallen sehen, so viele Leichen, abgetrennte Köpfe. Mein Vater hat mich dann nach vier Tagen weggeschickt. Ich bin doch noch zu jung, um gegen den IS zu kämpfen.“