Krieg

Optimismus, aber keine Strategie

Barack Obama traf Spitzenmilitärs aus 21 Ländern, um den Kampf gegen den IS zu besprechen. Ein Durchbruch ist noch nicht in Sicht

Der US-Präsident schien zum Optimismus entschlossen. „Bislang haben wir wichtige Erfolge gesehen“, sagte Barack Obama beim Treffen mit führenden Militärs von 21 Verbündeten auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews nahe Washington. Es ging um den Kampf gegen die Terrormilizen des Islamischen Staats (IS, auch ISIL oder ISIS genannt) im Irak und in Syrien. „Den Vormarsch von ISIL auf Erbil gestoppt. Viele Zivilisten gerettet vor einem Massaker auf Mount Sinjar. Den Mossul-Staudamm zurückerobert. ISIL-Ziele und Kämpfer in Irak und in Syrien zerstört“, bilanzierte Obama gegenüber den Militärs, unter denen auch der 58-jährige stellvertretende Bundeswehr-Generalinspekteur Peter Schelzig aus Augsburg war. Doch Obama gestand auch ein, dass es sich um einen langwierigen Einsatz handele. „Rasche Lösungen wird es nicht geben. Wir befinden uns noch am Anfang. Und wie bei jeder Militäraktion wird es Tage des Fortschritts und Perioden der Rückschläge geben.“

Vertreter der moderaten syrischen Opposition waren bei dem Treffen auf der Andrew Air Base nicht zugegen. Sie hätten mutmaßlich Beispiele für die vom Präsidenten eingeräumten Rückschläge in ihrem Gepäck gehabt. Die von Washington versprochenen zusätzlichen Waffenlieferungen seien bislang nicht oder nur in sehr geringem Umfang bei ihnen eingetroffen, ist aus ihren Reihen zu hören. Eine Abstimmung mit den USA über Ziele der Luftschläge gebe es auch nicht. Die gemäßigten Rebellen würden über Bombardierungen in der Regel ebenso überrascht wie die IS-Dschihadisten.

Bedrohlicher als 9/11

Vor allem aber die Konzentration auf Luftangriffe verhindere durchschlagende Erfolge im Kampf. „Kein Krieg kann nur aus der Luft gewonnen werden. Wir brauchen Bodeneinsätze“, sagt Major Ahmed Al Saud, Kommandant der als prowestlich eingestuften Rebellenorganisation 13. Division im Interview mit dem Sender BBC. „Das erfordert Unterstützung. Wenn wir die nicht haben, können wir nicht vor Ort kämpfen.“ Die Rebellen, unter denen sich viele Zivilisten befinden, setzen nicht auf eine mittelfristig organisierbare Grundausbildung durch amerikanische Offiziere in Stützpunkten in Saudi-Arabien oder der Türkei, sondern auf die rasche Ausstattung mit besseren Waffen und zusätzlicher Munition. Zudem haben viele von ihnen eine andere Erwartungshaltung als der Westen, der sie bislang eher durch Worte als Taten unterstützt: Sie waren angetreten, um das Regime von Baschar al-Assad zu stürzen. Doch nun sehen sie sich in eine Koalition gedrängt, die in der IS-Offensive die ungleich größere Gefahr sieht. Das führt zu unterschiedlichen Wahrnehmungen der Situation. Für die stockenden Waffenlieferungen an die moderaten Rebellen mag es nicht nur logistische Probleme geben. Vielmehr mehren sich die Hinweise, dass dieser Nachschub in den falschen Händen landet und am Ende die extremistischen IS-Sunniten stärkt.

Die IS-Truppen haben auch Chemiewaffen erobert. Der irakische UN-Botschafter gab an, die Dschihadisten hätten bereits im Juni eine stillgelegte Chemiewaffenanlage nordwestlich von Bagdad unter ihre Kontrolle gebracht. Dort sollen 2500 Raketen gelagert worden sein, die zum Teil mit dem Nervengas Tabun und zum Teil mit Senfgas bestückt gewesen seien. Nach noch nicht offiziell bestätigten Berichten setzte IS bereits C-Waffen in den Kämpfen ein.

Das Szenario geht in die Richtung der düsteren Warnungen von Dick Cheney. Der einstige Vizepräsident unter George W. Bush warnte soeben, die USA befänden sich in einer „sehr gefährlichen Zeit, und ich denke, es ist bedrohlicher als in der Periode vor 9/11“. Im Gespräch mit dem Chefredakteur des konservativen Magazins „The Weekly Standard“, sagte Cheney: „Ich glaube, 9/11 wird sich als längst nicht so schlimm erweisen wie der nächste Massenvernichtungsangriff gegen die Vereinigten Staaten – der, wenn und falls er kommt, wesentlich tödlicher sein wird als Flugtickets und Teppichmesser.“

21 Luftangriffe haben die USA und ihre arabischen Verbündeten nach Angaben des Zentralkommandos Centcom am Montag und Dienstag gegen IS-Ziele allein im Umfeld der umkämpften syrischen Grenzstadt Kobane geflogen. Im Pentagon hieß es, man habe die Offensive der Milizen offensichtlich verlangsamt. Doch die Situation bleibe instabil. Die Kämpfe in dieser Region werden belastet durch die Zurückhaltung der Türkei bei der Verteidigung und Sicherung der Grenzgebiete. Von Vertretern der rund 15 Millionen Kurden in der Türkei wird dies als Versuch Ankaras angesehen, einen Verzicht auf die kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region zu erpressen.

Beim Treffen der Spitzenmilitärs mit Obama war die Türkei vertreten. Im Vorfeld hieß es, nach dem Treffen werde die Türkei möglicherweise ihren spezifischen Ansatz im Kampf gegen die IS-Truppen verkünden. Die Besprechung selbst endete indes ohne die Bekanntgabe eventueller Entscheidungen über weitere taktische und strategische Schritte.

Das entsprach Obamas Einschätzung, mit einem kurzfristigen Erfolg sei nicht zu rechnen. „Dies ist nicht einfach ein Militäreinsatz. Hier handelt es sich nicht um eine klassische Armee, die wir auf dem Schlachtfeld besiegen und die sich dann endgültig ergeben“, so der Präsident. Vielmehr gehe es „um einen Einsatz, der alle Dimensionen unserer Stärke einbeziehen muss. Wir müssen besser darin werden, eine alternative Vision für diejenigen zu kommunizieren, die sich derzeit angezogen fühlen von den Kämpfen im Irak und in Syrien. Es ist absolut wichtig, sicherzustellen, dass die politische Inklusion, zu der sich Iraks Premierminister Abadi verpflichtet hat, jetzt in wirkliche Fortschritte umgesetzt wird.“