Kohl-Buch

„Volksschriftsteller, Gratulation“

Heribert Schwan verteidigt in Berlin sein umstrittenes Buch über Helmut Kohl

Heribert Schwan trägt zum dunkelblauen Sakko eine schwarze Hose, was ein bisschen seltsam ist, weil er eigentlich wie ein eitler und von sich überzeugter Mensch wirkt. Helmut Kohl würde ihn loben, sagt Schwan. Wenn er noch an ihn herankommen könnte, würde der Altkanzler ihm sagen: „Volksschriftsteller, Gratulation.“ Schwan sagt auch: „Von Rache kann keine Rede sein.“ Schuld habe „die neue Frau an seiner Seite“. Bevor es zum Bruch kam, habe er sich mit Maike Kohl-Richter sogar um Kommata gestritten. Er würde nur im Sinne Helmut Kohls handeln. „Ich habe acht Jahre mit dem Mann zusammengelebt, sozusagen.“

Es geht um das Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“. Das liegt seit Dienstagmorgen mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren in den Buchläden – genau einen Tag bevor Helmut Kohl, 84, auf der Buchmesse in Frankfurt am Main sein Buch zur Wiedervereinigung vorstellen wird. „Lesen Sie das Buch“, sagt Schwan, immer wieder vor den vielen Journalisten in einem Raum des Hotels Westin Grand an der Friedrichstraße. Das Buch sei insgesamt positiv. Doch das ist mittlerweile egal. Der „Spiegel“ durfte vorab aus dem Buch zitieren – und hat sich natürlich nur die schärfsten Zitate rausgepickt.

Kohl rechnet vor allem mit seinen Parteifreunden ab, die ihn ihm Jahr 2000 während der Spendenaffäre in den Rücken gefallen sind. So sagte er: „Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.“ Und: „Die Merkel hat keine Ahnung.“ Der Kanzler der Einheit, der immer die friedliche Revolution in der DDR gelobt hatte, sagte seinem Ghostwriter: Die Vorstellung, die Revolutionäre im Osten hätten in erster Linie den Zusammenbruch des Regimes erkämpft, sei dem „Volkshochschulhirn von Thierse“ entsprungen. Gorbatschow sei „gescheitert“. Und Wolfgang Schäuble würde in einem „Wägelchen“ sitzen.

All diese Sätze sind gefallen in den Jahren 2001 und 2002, als Schwan 105Mal nach Oggersheim gefahren ist und sich mit Kohl im Keller von dessen Bungalow unterhalten hat. Schwan, ein WDR-Journalist, schrieb Kohls Memoiren. Schwan gibt zu: „Die kurzen Zitate im ,Spiegel’ reißen das ein bisschen auseinander.“

Man habe aber, so sein Co-Autor Tilman Jens, „ganz bewusst auf vieles verzichtet, was Kohl im Affekt gesagt hat“ – und nur politisch Relevantes gebracht. Fragt man ihn, was politisch relevant daran sei, dass Angela Merkel in den 90er-Jahren möglicherweise nicht richtig mit Messer und Gabel essen konnte, heißt es nur: Das habe mit Politik zu tun, weil es ja um Staatsessen gegangen sei. Es stellt sich jetzt auch die juristische Frage: Durfte Schwan diese Zitate in sein Buch schreiben? Ja, sagt Schwan. „X-mal“ habe Kohl ihm gesagt: „Das kannst Du verwenden, wenn ich tot bin oder Du keine Haare mehr auf dem Kopf hast.“ Nein, sagt Kohl, beziehungsweise seine neue Frau Maike Kohl-Richter. Kohl ist 2008 in seinem Haus schwer gestürzt, kann kaum noch sprechen.

Mit Schwan gibt es einen längeren juristischen Streit. Im März musste er, so verfügt vom Landgericht Köln, die Tonbänder zurückgeben, auf denen er die Gespräche mit Kohl aufgezeichnet hatte. Doch Schwan hatte Abschriften und Kopien der Bänder. Kohls Anwälte gehen gerade juristisch gegen das Buch von Schwan vor.

Kohl hat Schwan vertraut. Der Altkanzler zeigte seinem Ghostwriter sogar die 13 Stasi-Protokolle, die es über ihn gibt. Aus diesen hat Schwan nicht zitiert. Deshalb will er auch nicht gelten lassen, was ihm vorgeworfen wird. Heribert Schwan sagt: „Das war kein Vertrauensbruch.“