Kim Jong-un

Der unsichtbare Herrscher

Nordkoreas Kim Jong-un ist seit Wochen nicht öffentlich aufgetreten. Ist er schwer erkrankt oder hat das Militär ihn womöglich entmachtet?

Als der 68 Jahre alte nordkoreanische Marschall Hwang Pyong-so am Sonnabend das Flughafengebäude Incheon bei Seoul verließ, um in eine südkoreanische Limousine zu steigen, geriet ein Dutzend Kilometer weiter östlich Jang Jin-sung in helle Aufregung. Jang, vor zehn Jahren von Nord- nach Südkorea geflohen, war Mitarbeiter der nordkoreanischen ZK-Abteilung „Einheitsfront“, die Südkorea analysieren, ausspionieren und es mit Propaganda unterminieren soll. Der Grund für die Aufregung des ehemaligen Funktionärs war aber nicht der Überraschungsbesuch des nordkoreanischen Marschalls als solcher.

Jang elektrisierte vielmehr die Tatsache, dass hinter dem Marschall zwei nordkoreanische Leibwächter im klassischen Secret-Service-Look ins Sonnenlicht traten – dunkle Anzüge, identische schwarz-weiß gestreifte Krawatten, teure westliche Sonnenbrillen, weiße Kopfhörer im Ohr. Offen sichtbare, optisch hervorgehobene Leibwächter, so schreibt der kenntnisreiche Überläufer Jang Jin-sung, waren bisher einzig und allein dem nordkoreanischen Höchsten Führer vorbehalten – Kim Jong-un selber, zuvor dessen Vater Kim Jong-il, und davor dem Staatsgründer Kim Il-sung.

Unauffällige Assistenten

Alle anderen Funktionäre bekamen nur einen unauffälligen Assistenten zugeteilt, geschult in Nahkampftechniken zwar, aber eben unauffällig. Als Pjöngjang im August 2009 drei Spitzenleute zur Trauerfeier für einen südkoreanischen Präsidenten nach Seoul entsandte, kamen sie in der Tat ohne Leibwachen in einer kleinen Tupolew 134 der nordkoreanischen Fluglinie Air Koryo angeflogen.

Marschall Hwang hingegen, seit Ende September die inoffizielle Nummer zwei des Regimes hinter Kim Jong-un, benutzte Nordkoreas Präsidentenmaschine, eine weiße Iljuschin 62 mit dem Staatswappen, die Kim Jong-un im Mai erstmals der Öffentlichkeit vorgeführt hatte. Ist das Militär in Pjöngjang stillschweigend dabei, die Macht zu übernehmen? Ist der „unpässliche“ Kim Jong-un gar nicht im Krankenhaus, sondern kaltgestellt? Hat es seine Bedeutung, dass Kim Jong-un bei der Eröffnungssitzung des nordkoreanischen Scheinparlaments am 25. September zwar fehlte, aber sein Sessel in der Mitte des Podiums ehrfurchtsvoll leer blieb – während einen Tag später Marschall Hwang dort saß, wo dieser leere Sessel gestanden hatte? Die Sitzreihe der Spitzenfunktionäre war fest geschlossen. Es schien für einen kurzen Augenblick, als habe es Kim Jong-un nie gegeben.

Und was hatte in dieser Hinsicht das seltsame Foto vom 18. Juli zu bedeuten? An dem Tag besichtigte Kim Jong-un eine Armeefabrik für Tarnnetze und Plastikrohre. Er sprach mit einem General und hielt in der Rechten einen Füllfederhalter, in der Linken einen Notizblock. Der General war so abgebildet, dass man seine Hände nicht sah. Das Foto suggerierte, als mache Kim sich Notizen darüber, was ihm der General sagte. Es war, gemessen an den Usancen Pjöngjangs, ein Protokollbruch ohnegleichen – der Herrscher lernt von der Armee. Fast ein ganzes Menschenalter lang war es genau umgekehrt. Der Höchste Führer gab Anweisungen, die Generäle notierten sich ehrfürchtig seine Worte. Das Bild der hochrangigen Notizblock-Benutzer rund um die Kims bei deren „Anweisungsbesuchen im Felde“ hatte eine ikonenhafte Qualität. Nun plötzlich macht sich der Höchste Führer Notizen – er, Kim, der nach seinem Machtantritt in mehreren Reden die unbedingte Unterordnung der Armee unter die Partei verlangt hatte? Dokumentierte das Foto womöglich Kims schleichende Entmachtung?

Selbstverständlich lassen sich die Bilder auch anders interpretieren. Kim Jong-un ist wirklich krank; Hwangs Staatsflugzeug, die Leibwächter und der fehlende Sessel sollen beweisen, dass es in Nordkorea zum ersten Mal tatsächlich einen Stellvertreter des Höchsten Führers gibt, der dessen unumschränktes Vertrauen genießt und der auch für die Armee spricht; und Kim macht sich Notizen, weil er von seiner eigenen Gottesgleichheit wegkommen und ein normaler Staatschef werden möchte, wie in Peking zum Beispiel. Er hat ja schon verboten, sein Porträt in den Amtsstuben aufzuhängen.

Was stimmt? Wer vertritt Nordkorea auf dem nächsten hochrangigen Treffen mit Südkorea, das schon „bis Mitte November“ stattfinden soll, wie es am Sonnabend in Seoul hieß? Das ist keine Petitesse, wenn die Antwort auf die Frage gesucht wird, wohin Nordkorea denn nun eigentlich strebt. Der Überraschungsbesuch Marschall Hwangs hat darauf zumindest eine Antwort gegeben – Pjöngjang sucht den Kontakt zum Süden, wieder einmal, und ganz dringend.

Regime bleibt unbeweglich

Wenige Tage vor dem Besuch feierte Nordkorea aus heiterem Himmel den 14. Jahrestag der Öffnung des Kurortes Kumgang für südkoreanische Touristen; dass Pjöngjang diesen Tourismus seit Jahren unterbunden hat, blieb unerwähnt. Das alles passt in das gewohnte Muster aus Besuchen und Beschießungen. Dem ersten innerkoreanischen Gipfel von 2000 folgte die nukleare Aufrüstung, ihr folgte der zweite Gipfel und diesem die Versenkung einer südkoreanischen Korvette und der Artillerieüberfall auf die südkoreanische Insel Yeonpyong. Nun also ist wieder die Gipfeldiplomatie an der Reihe.

In einem solchen Umfeld enthält Marschall Hwangs Blitzbesuch in Südkorea und das Versprechen der Fortsetzung binnen Monatsfrist eine simple Kernbotschaft: Wir brauchen neue Freunde – auch damit Peking uns wieder ernst nimmt. Bitte, bitte, vergesst doch die Probleme der vergangenen Jahre. Lasst uns wieder ins Geschäft kommen. Mit solcher Bewegungsdiplomatie wird es aber nichts, wenn das Regime selber unbeweglich bleibt.