Körperverletzung

„Sie behandeln uns wie Tiere“

NRW: Skandal um misshandelte Flüchtlinge weitet sich aus. Keine Fälle in Berlin gemeldet

Die Misshandlungsvorwürfe gegen private Sicherheitskräfte in nordrhein-westfälischen Flüchtlingsheimen weiten sich aus. In Burbach im Siegerland wird gegen zwei weitere Wachmänner ermittelt. Damit ist die Zahl der Verdächtigen dort auf sechs gestiegen. Auch in Essen ermittelt die Polizei wegen des Verdachts der Körperverletzung in einer Unterkunft. Im siegerländischen Bad Berleburg sollen zwei Beschäftigte eines Sicherheitsunternehmens einen Flüchtling verletzt haben.

In Berlin sind nach Auskunft der Sozialverwaltung solche Misshandlungen von Flüchtlingen in Asylbewerberheimen nicht bekannt. „Vorwürfe gegen Sicherheitsfirmen wurden hier nicht gemeldet“, sagte eine Sprecherin der Sozialverwaltung am Montag. Die Heimbetreiber seien dem zuständigen Landesamt für Gesundheit und Soziales alle gut bekannt. In den derzeit 46 Berliner Flüchtlingsunterkünften werde nur Wach- und Sicherheitspersonal eingesetzt, das zertifiziert sei. Auch in der brandenburgischen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber gibt es nach Angaben des Innenministeriums keine Anhaltspunkte für Misshandlungen von Flüchtlingen durch das Personal.

In dem Flüchtlingsheim in Burbach sollen Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes Asylsuchende mehrfach misshandelt haben. Auslöser für die polizeilichen Ermittlungen, die am Sonntag bekannt geworden waren, war ein Handyvideo, das einen Übergriff auf einen Flüchtling in der Einrichtung in Burbach zeigt. Mittlerweile habe man anhand ihrer Stimmen die beiden Wachleute gefunden und Ermittlungen eingeleitet, sagte der Siegener Oberstaatsanwalt Johannes Daheim am Montag.

Ein Heimbewohner berichtet, dass sie wie die Tiere dort hausten. Zuletzt hätten dort bis zu 700 Menschen gewohnt. „Wir bekommen keine Wasserflaschen“, klagt ein junger Syrer in gebrochenem Englisch. Das müssten sie kaufen. Für einen Euro. Burbachs Einwohner sind empört über den Vorfall. „Abartig“, findet Sofie Quandel die Aufnahmen, die die Misshandlungen zeigen. „Unmöglich, so mit Leuten umzugehen“, erregt sich Heidrun Hülscher. Und ihre Mutter Lieselotte ergänzt: „Wie Guantanamo, ganz furchtbar.“ Burbachs Bürgermeister Christoph Ewers sorgt sich vor allem um das Image der Kleinstadt: „In diesem Zusammenhang in allen Gazetten deutschlandweit genannt zu werden ist nicht schön.“

Der Übergriff auf einen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft in Bad Berleburg hat nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft nicht die gleiche Brisanz wie in Burbach. Es habe sich zwar um Gewalt gehandelt, aber es sei nicht so demütigend und menschenverachtend gewesen. In dem Fall wird gegen zwei 30 und 37 Jahre alte Beschäftigte eines Sicherheitsdienstes wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Die Unterkunft wird vom Roten Kreuz betrieben. Das Opfer, ein 22 Jahre alter Flüchtling aus Marokko, soll den Angaben zufolge am 12. September zunächst im Streit seine Mitbewohner leicht verletzt haben. „Daraufhin sollen sich die Security-Leute ihn zur Brust genommen haben“, sagte Daheim. Dabei habe es sich nicht um Notwehr gehandelt. Der 22-Jährige musste im Krankenhaus behandelt werden.

In Essen gaben Flüchtlinge laut Polizei an, nach Streitigkeiten geschlagen worden zu sein. „In den letzten 14 Tagen sind bei uns drei Anzeigen eingegangen“, sagte ein Sprecher am Montag. Betroffen ist das Flüchtlingsheim im Opti-Park. Bewohner Dendawi Reda aus Algerien sagt: „Sie behandeln uns wie Tiere.“ Zusammen mit rund 500 weiteren Flüchtlingen lebt er seit einiger Zeit in der Notunterkunft. Andere berichteten von Beschimpfungen und Schlägen, weil sie zu später Stunde nicht zurück in die Unterkunft wollten. „Das ist doch hier kein Gefängnis, oder?“, sagt Dendawi Reda.

Die beschuldigten Wachmänner sind offenbar vorbestraft. Die Flüchtlingsheime in Burbach und Essen werden von der Firma European Homecare betrieben, die am Montag Schadensbegrenzung betrieb. „Wir sind selbst total fassungslos“, sagt Sprecherin Renate Walkenhorst. Man habe bei den Sicherheitskräften stets den Anspruch gehabt, dass sie den Bewohnern mit Respekt begegneten. „Was jetzt passiert ist, ist eine Katastrophe“, so Walkenhorst. Dass es sich um mehr als Einzelfälle handeln könnte, weist sie von sich: „Anscheinend hat sich da eine Gruppe von Wachkräften irgendwie verselbstständigt.“