Bauwerk

Erdogan baut sich einen Palast

Türkischer Präsident genehmigt sich Anwesen mit 1000 Zimmern

Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. wäre heutzutage vielleicht lieber türkisches als französisches Staatsoberhaupt. Selten brachte seit Versailles ein Bauwerk den Machtanspruch des aktuellen Herrschers so stark zum Ausdruck wie der neue Amtssitz des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan: Der türkische „Sultan“ hat sich einen Palast bauen lassen, der eine Botschaft hat: „Der Staat bin ich.“ Natürlich gab es noch das „Haus des Volkes“ des einstigen rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu. Aber der Mann wurde hingerichtet, bevor der Kolossalbau fertig war.

Im Vergleich zum „Genie der Karpaten“, das in Bukarest 3000 Zimmer für sich beanspruchte, gibt sich der Herrscher der „neuen Türkei“ mit nur 1000 Räumen sogar relativ bescheiden. Auch die 350 Millionen Dollar für den Palast sind nicht die Welt, in der Türkei lässt es sich billig bauen. Das Feinste daran ist der Name: Aksaray – weißer, reiner Palast. Ein Hort der Tugend also, trotz aller Korruptionsvorwürfe gegen die Regierung und gelegentlicher Fiesheiten gegen Kritiker.

Der einzige Schönheitsfehler besteht darin, dass der ganze Bau gesetzwidrig ist. Er wurde ohne Genehmigung auf dem Gelände des unter Denkmal- und Naturschutz stehenden Atatürk-Forsts errichtet. Auch diese Überschreitung ist symbolischer Natur: Erdogan steht über dem Gründer der modernen Türkei. Und offenbar auch über dem Gesetz. „Sollen sie doch versuchen, es abzureißen“, sagte Erdogan, als eine gerichtliche Instanz nach der anderen die Aussetzung der Bauarbeiten anordnete.

„Ich werde das Gebäude eröffnen, und ich werde da einziehen“, gab sich Erdogan unbeeindruckt. Die Arbeiten begannen 2011, als er noch Ministerpräsident war. Hätte Erdogan wider Erwarten die Präsidentschaftswahl im August verloren, dann wäre er eben als Ministerpräsident in den Palast gezogen. Der Staatschef, der laut Verfassung keine besonderen Vollmachten besitzt im Gegensatz zum Premierminister, wird dort sehr viel geschützter sein als Ahmet Davutoglu. Im Aksaray soll es bombensichere Räume und solche gegen Bio- oder Chemiewaffenangriffe geben.

Dem Vernehmen nach will Erdogan nicht alle der 1000 Räume für sich privat nutzen. Im Palast sollen diverse Büros eingerichtet werden, von denen aus regiert werden könnte. Das ist umso interessanter, da die Verfassung dem Präsidenten keinerlei Vollmachten in dieser Richtung einräumt. Erdogan freilich lässt sich von solchen Details nicht aufhalten: Er hat dem Ministerpräsidenten großzügig angeboten, er werde ihm „immer helfen“, das Land zu führen.

Vom Stil her soll der Palast nach Erdogans eigenen Worten zeigen, dass Ankara „eine seldschukische Hauptstadt ist”. Historisch blanker Unsinn, nie regierten die alten Seldschuken, die Vorfahren der Osmanen, von Ankara aus – aber was ist schon Historie.