Kommentar

Die Türkei ist eine Enttäuschung

Boris Kalnoky über den Wandel des Landes unter Erdogan

Manchmal ist man ganz vernarrt in jemanden, und denkt, man wisse genau, was für ein Mensch das ist. Und ist dann am Ende enttäuscht, wenn es nicht stimmt. So verhält es sich mit der Türkei. Selten wurden ein Land und seine Regierung – jene von Recep Tayyip Erdogan – so in den Himmel gelobt: eine moderne Partei, an der Spitze ein echter Demokrat, ein Reformer. Hier war eine weltoffene Kraft am Werk, die das Zeug hatte, die ganze muslimische Welt zu transformieren. Um sie westlicher zu machen, demokratisch, frei, liberal, mit Religion als harmlosem Dekor. Obama sprach von einem „Modell für die USA“. Die EU schenkte der Türkei die Beitrittskandidatur. Heute sieht alles anders aus. Als Erdogan gerade vor der UN-Vollversammlung in New York sprach, gähnte ihm ein weitgehend leerer Saal entgegen. Niemanden interessiert mehr, was er zu sagen hat, es sei denn, um darin Gefahrensignale zu erkennen.

2004, als die Türkei EU-Beitrittskandidat wurde, da lebte in den Herzen der demokratischen Welt eine tiefe Sehnsucht nach einem „guten Islam“. Zwar gab es hier und da Bedenken: Hatten die AKP-Führer, allen voran Erdogan, nicht als wortgewaltige, europafeindliche und Amerika hassende Radikal-Muslime ihre politische Karriere gestartet? Plötzlich waren sie ganz zahm und gemäßigt und wurden die Lieblinge der freien Welt. Die tödliche Gefahr jedoch, gegen die die Türkei ein Mittel werden sollte, ist heute größer denn je. Außer dem massenmordenden IS gibt es niemanden, der so medienwirksam den Westen zum Feindbild erhebt wie Erdogan. Seine verbalen Entgleisungen gegen Amerika, Europa und Israel wurden oft als harmlos abgetan: Das sei ja nur fürs heimische Publikum gedacht. Seit dem Abgang des Iraners Ahmadinedschad ist er der einzige muslimische Herrscher, der gegen die „ungerechte Weltordnung“ des Westens zu Felde zieht und Israel als „Massenmörder“ geißelt. Seine Worte peitschen jene Muslime auf, für die er, wie man einst hoffte, ein Politiker der Mäßigung sein sollte. Natürlich wirkten und wirken seine Worte auch radikalisierend auf Europas Türken und Muslime. Und so sind es auch Türken, die heute wohl das zweitstärkste „Ausländerkontingent“ beim IS stellen.

Vor zehn Jahren hofften und wünschten Amerikaner und Europäer, dass die Türkei im Grunde so werden könnte wie sie. Heute denkt das niemand mehr. Man hofft und wünscht, dass das Land sich nicht in einen wirklichen Feind verwandelt. So arbeitet man weiter mit der Türkei, weil es anders nicht geht. Aber ohne jedes Vertrauen. Das ist fatal.