Kommentar

Frankreichs stille Post

Sascha Lehnartz über die deutsch-französischen Beziehungen

Interkulturell kompetent ist eine Person, die bei der Zusammenarbeit mit Menschen aus ihr fremden Kulturen deren spezifische Konzepte der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Handelns erfasst und begreift. Wir rufen diese gängige Definition hier ins Gedächtnis, weil sie für das deutsch-französische Verhältnis von Nutzen sein könnte. Dort liegt die interkulturelle Kommunikation seit einiger Zeit im Argen. Beide Seiten haben erhebliche Mühe, die spezifischen Konzepte der Wahrnehmung und des Handelns des Gegenübers zu erfassen.

Der Gedankenaustausch zwischen den beiden wichtigsten europäischen Mächten beschränkt sich darauf, dass in Berlin täglich irgendjemand „Reformen“ ruft. Aus Paris schallt in gleicher Lautstärke die Parole „Wachstum!“ zurück. Besonders ergebnisorientiert ist dieser Schlagwortwechsel nicht, zumal beide Seiten unter diesen Begriffen etwas völlig anderes verstehen: Wenn Frankreich „Wachstum“ ruft, versteht man in Deutschland „Schulden machen“, und wenn Deutschland „Reformen“ verlangt, hört man in Paris „kaputtsparen“. Diese elementare kulturelle Differenz wird auch der zweitägige Besuch des französischen Premierministers Manuel Valls in Deutschland nicht beheben.

Das Misstrauen und das gegenseitige Unverständnis sind in dem Maße gewachsen, wie die wirtschaftlichen Leistungsbilanzen beider Länder auseinander gedriftet sind. Für die französische Politikerseele ist dieser Abstieg schwer zu ertragen. Auch um das angeschlagene Selbstbewusstsein ihrer Landsleute ein wenig aufzubauen, betonen Valls und Hollande derzeit bei nahezu jedem öffentlichen Auftritt, dass Frankreich trotz der aktuellen Misere ein „großes Land“ sei. Viele Franzosen haben diesbezüglich inzwischen leichte Zweifel.

Angesichts des labilen Zustandes, in dem sich Frankreich befindet, kann man die Frage stellen, ob die in leicht rüpelhaftem Ton vorgetragenen Forderungen mancher deutscher Politiker und Medien die richtige Methode sind, um den französischen Reformeifer anzustacheln. Solange es die Regierung Valls aber bei Reformankündigungen belässt, wird man in Berlin skeptisch bleiben. In der Zwischenzeit könnte man sich aber daran machen, die gegenseitige Begriffsblockade aufzuheben. Was hindert die deutsche und die französische Regierung eigentlich daran, ihre interkulturell kompetentesten Kräfte ernsthaft darüber nachdenken zu lassen, wie man „Wachstum“ und „Reformen“ miteinander verbindet?