Kommentar

Muslime gehen auf Distanz

Torsten Krauel über die Terrormiliz Islamischer Staat

Die fanatischen Lustmörder des Islamischen Staates werden eines Tages so enden wie ihre Opfer. Wenn sie Glück haben, kommen sie vor Gericht. Haben sie weniger Glück, fallen sie denjenigen in die Hände, die von den Terroristen gejagt und gequält wurden und die nun Rache üben wollen. Der wesentliche Grund für die allmähliche Wende ist ein Vorgang, von dem immer behauptet wurde, es werde ihn nie geben. Muslime in aller Welt distanzieren sich von der Terrorgruppe. In Deutschland, aber nicht nur bei uns, organisieren Muslime Kundgebungen gegen die Gewaltorgien. In Saudi-Arabien, aber nicht nur dort, haben islamische Gelehrte Fatwas gegen den IS erlassen. Auch wenn manche Vertreter der muslimischen Gemeinden vorsorglich sagen, eine „Distanzierungsorgie“ werde es nun auch nicht geben – ein Anfang ist gemacht.

Die Distanzierung war überfällig. Das nun vereitelte Machetenmassaker in Australien oder das kürzlich ebenso vereitelte Schusswaffenmassaker im Osten der USA, beide vom IS angestiftet, hätten überall geplant werden können, auch in Deutschland. Gleichgültig, wo es ausgeführt worden wäre, es hätte das Bild des Islam als einer Gewaltreligion drastisch verfestigt. Die Verbrechen des IS haben zum Ziel, ein solches Bild entstehen zu lassen. Der Islam hat zwar keine Hierarchie wie die katholische Kirche. Aber die Versuche, die Deutungshoheit und die Handlungsvollmacht durch Ausrufung eines Killerkalifats an sich zu reißen, wie der IS es tut, widerspricht dem Denken vieler Muslime. Wenn diese sich nicht von Verbrechern in die Ecke drängen lassen wollten, dann war es Zeit zum Handeln.

Die Mahnwachen und Freitagsgebete sind ein erster, aber wichtiger Schritt. Die Terroristen verlieren den von ihnen angenommenen Rückhalt. Ihr Blutrausch wird nicht über Nacht enden, so wenig wie er über Nacht entstanden ist. Doch wenn Muslime sich mit Abscheu vom IS abwenden, bleibt das nicht ohne Folgen für dessen Rekrutierungsversuche.

Machetenkiller wie in Australien fängt man nicht mit Fatwas allein. Um solche Menschen rechtzeitig aufzuspüren, ist Polizei- und Geheimdienstarbeit nötig, und zwar auch mit Mitteln, die bei uns seit Edward Snowden als anrüchig gelten. Um solche Menschen vom Abgleiten in Mordpläne abzuhalten, sind Sozialarbeiter und Lehrer wichtig. Aber das entschiedene Wort islamischer Autoritäten ist unerlässlich, wenn instabile Jugendliche glauben, zur Waffe zu greifen, sei ein gottgefälliges Werk.