Abstimmung

Der Tag der Wahrheit

Am heutigen Freitag steht fest, ob Schottland unabhängig wird oder nicht. Das Ergebnis wird Großbritannien grundlegend verändern

Für Mandy Scot ist dieser Donnerstag Hochleistungssport. Die 49-Jährige jagt seit sieben Uhr in der Frühe jedem Passanten hinterher, der die Craigmillar Castle Road entlanggeht. „Hast du schon gewählt? Kann ich dir einen Ja-Sticker geben?“ Ein junger Mann entgegnet Mandys Annäherung barsch: „Hab’ schon gewählt. Mit Nein!“ Mandy zuckt mit den Schultern. „Oh well. Kein Problem.“ Dann ballt sie die Faust. „Wir müssen halt alle zum Abstimmen kriegen, die mit Aye stimmen!“

„Aye“ ist schottisch für Ja – Ja zur Unabhängigkeit von Großbritannien. Und die blauen Sticker, Flaggen und Poster mit „Aye“ und „Yes“ liegen am Wahltag in Edinburgh zahlenmäßig klar vor dem rot-gelben „No“. So scheint es jedenfalls, wenn man durch die schottische Hauptstadt geht. In den Fenstern, an Bauzäunen, selbst an den ehrwürdigen Statuen auf der Royal Mile prangt das Ja. 97 Prozent der Wahlberechtigten haben sich in die Stimmregister eintragen lassen, noch nie hat in Schottland eine Abstimmung so viele Menschen angezogen.

Etwas Großes tut sich hier

Deshalb herrscht in Edinburgh eine Atmosphäre der Anspannung. Etwas Großes tut sich hier. Und obwohl niemand vorauszusagen wagt, wie der Ausgang dieses historischen Tages aussieht, eines ist klar: Schottland ist am Freitag ein anderes Land. Siegt das „No“-Lager und Schottland bleibt Teil Großbritanniens, muss Premierminister David Cameron seine Lockangebote wahr machen und eine weitreichende Selbstbestimmung auf den Weg bringen. Eine Perspektive, die andere Teile des Königreichs auf den Plan ruft, die ebenfalls mehr Rechte wollen. Auch Großbritannien wird nach dem 18. September nicht mehr das sein, was es war.

Ein Ja zur Unabhängigkeit aber hätte noch dramatischere Folgen. Es schafft einen 307 Jahre alten Staat ab und gebiert einen neuen. Dieses politische Beben wäre bis in den letzten Winkel Europas zu spüren. Katalanen, Südtiroler, Flamen, die Ungarn in Siebenbürgen – alle warten auf den Präzedenzfall, in dem ein Volk friedlich und demokratisch seine Selbstbestimmung durchgesetzt hat.

Die allerletzten Umfragen an diesem Tag heizen die Stimmung noch einmal an. Das Meinungsinstitut Ypsos Mori veröffentlicht am Vormittag ein denkbar knappes Rennen von 49 Prozent Ja gegen 51 Prozent Nein. „Das sind nur ein paar Tausend Stimmen“, sagt Gordon Maloney. Der 23-Jährige klappert seit sieben Uhr in der Frühe die Häuser mit potenziellen „Yes“-Wählern ab.

Maloney, Präsident des schottischen Studentenbunds und für die Grünen aktiv, ist mehr als erstaunt, wie weit London in diesen Tagen von Schottland entfernt liegt. „Was die Zeitungen dort über uns hier oben berichten, hat mit der Realität nichts zu tun.“ Es ist genau dieses Gefühl, das viele Anhänger der schottischen Unabhängigkeit antreibt: Dass sie fremdbestimmt sind von der „Westminster-Clique“, von einer Regierung, die sie nicht gewählt haben – seit 2010 ist eine Koalition aus Tories und Liberaldemokraten an der Macht, während Schottlands große Mehrheit die schottischen Nationalisten und auf den zweiten Platz Labour wählte.

Viele in Edinburgh scheinen am Wahltag geradezu wütend auf das „Trio“: Premier Cameron, seinen Vize Nick Clegg und Labour-Chef Ed Miliband. Monatelang haben sie sich nicht in Schottland blicken lassen. Und jetzt, wo es eng wird, reisen sie an und versprechen das Blaue vom Himmel.

Atmosphäre der Einschüchterung

Auch die in London erscheinenden Zeitungen speisen den Unmut. Der „Daily Telegraph“ und der „Daily Express“ rufen die Schotten auf ihren Titeln auf, der Union keinen Todesstoß zu erteilen. Selbst die BBC muss sich massive Vorwürfe anhören, ihre Berichterstattung sei unausgeglichen zugunsten der Unionisten. Ihr Reporter Nick Robinson, der den schottischen Ministerpräsidenten Alex Salmond in einem Interview ins Kreuzverhör genommen hatte, verlässt Mittwochabend fluchtartig eine Veranstaltung in Perth, beschimpft und ausgebuht von Ja-Anhängern. „Es herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung“, meint Sheila Gilmore. „Die ,Yes‘-Leute hier sind ganz schön laut. Wir halten uns nun mal mehr zurück, wir machen diese ganze Flaggenschwenkerei nicht mit.“

Gilmore, 64, ist Labour-Abgeordnete für Edinburgh-Ost und sitzt seit vier Jahren in London im Unterhaus. An diesem Donnerstagmorgen steht sie beinahe schüchtern mit ein paar „No“-Aufklebern vor der Wahlstation in Craigmillar.

Ein paar Dutzend „Yes“-Aktivisten marschieren vorbei, ein Dudelsackspieler im Kilt ist dabei, der nicht nur Musik macht, sondern sogar Feuer aus den Pfeifen spucken lässt. Gilmore schüttelt den Kopf. „Hier wird das Gefühl vermittelt: Mit Ja zu stimmen ist schottisch. Ein Nein ist unschottisch. Das kann es einfach nicht sein.“