Kommentar

Lieber klug als moralisch

Jacques Schuster über den Besuch des Emirs von Katar in Berlin

Man sollte sich über Katar keine Illusionen machen. Das Emirat ist eine der wenigen absoluten Monarchien, die es noch gibt. Wesenszug dieser Staatsform ist, dass einer alles und die anderen nichts zu sagen haben. Schlimmer noch, zwar gibt es Regeln und Richtlinien, im Zweifelsfall aber kann sie der eine – eben der Emir – außer Kraft setzen, sie bestätigen oder darauf herumtrampeln. Ganz wie es ihm beliebt. Darüber hinaus kann er seine Untertanen mal freundlich, dann wieder wie Vieh behandeln. Und auch das ist traurig, aber wahr: Katar steht den Muslimbrüdern nahe und tat einiges, um die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) so stark werden zu lassen, wie sie heute ist.

In Deutschland rufen nun einige Vertreter der Opposition, man dürfe Machthaber vom Schlage des Emirs nicht empfangen. Wollten wir diesem Einwurf folgen, hätte Deutschland kaum außenpolitische Beziehungen. Russlands Präsidenten Wladimir Putin wäre der Besuch an der Spree genauso verwehrt wie seinem chinesischen Amtskollegen, sämtlichen arabischen Potentaten, der Mehrheit der afrikanischen Regierungschefs und den asiatischen Diktatoren. Viele der Mahnungen aus den Reihen der Opposition mögen dem üblichen „Fratzenschneiden im Spiegel der öffentlichen Meinung“ (George F. Kennan) geschuldet sein. Insgesamt aber setzt sich in Deutschland die Ansicht durch, Außenpolitik sei allein nach idealistischen Regeln zu betreiben. Doch die Welt ist nicht Jesajas Reich – ein Paradies, in dem Wolf und Lamm beieinander weiden. Auch wenn es den wenigsten Deutschen passen mag: Es gibt keine außenpolitische Moral ohne Klugheit. Daher muss die höchste Tugend der Außenpolitik die Klugheit sein. Sie lässt sich ohne den Blick auf die eigenen Interessen und die des jeweiligen Gastes nicht denken. Auf Katar bezogen: Erst wenn dem Emir im Gespräch klar wird, wie sehr er seinem eigenen Staat schadet, sollte er im Kampf gegen den IS gegen westliche Interessen verstoßen, wird er seine Politik verändern.

Und wir? In Erinnerung an unsere blauäugige Sicht auf den „arabischen Frühling“ sollten wir uns fragen, was das angebliche Aufblühen der Demokratie dort bewirkt hat. Vor Jahren schon warb der Philosoph Avishai Margalit dafür, nicht die Demokratie zum Maßstab für den Umgang mit der Staatenwelt zu nehmen, sondern die Anständigkeit eines Regimes. Vielleicht hat er recht, vielleicht nicht. Außenpolitik jedenfalls lebt von Interessen und dem Gespräch ohne Vorbehalte.