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Bolivien erlaubt Kinderarbeit ab zehn Jahren

Befürworter loben das Gesetz als wirksames Mittel gegen wirtschaftliche Ausbeutung

Rodrigo Medrano ist 15 und arbeitet schon seit acht Jahren. Er verkauft Süßigkeiten und Limonade an Straßenkreuzungen in Boliviens Regierungsstadt La Paz. Wenn der Verkehr hält, rennt er zu den wartenden Bussen und bietet seine Waren am offenen Fenster an. Gleichzeitig vertritt er die Gewerkschaft der arbeitenden Kinder Unatsbo.

Mit lautstarken Protesten verschafften sich die Kinder im Dezember Gehör. Sie kämpften gegen die Heraufsetzung des Mindestalters für die Arbeit von Minderjährigen auf 14 Jahre. „Wir verteidigen hier unsere Rechte als arbeitende Kinder und Jugendliche“, sagte Rodrigo.

Anfang Juli beschloss Boliviens Kongress, Kinderarbeit unter bestimmten Umständen schon ab dem Alter von zehn Jahren zu erlauben. Im August trat das Gesetz in Kraft – ein großer Erfolg für Rodrigo und seine Mitstreiter. Von den Befürwortern wird das Gesetz als wirksames Mittel gegen Ausbeutung gelobt. Kritiker sprechen hingegen von einem Rückschritt ins Mittelalter.

„Wir können die Kinderarbeit nicht abschaffen“, sagte Präsident Evo Morales nach einem Treffen mit der Kindergewerkschaft. „Aber wir können wenigstens die Arbeitsbedingungen der Kinder verbessern.“ Der Präsident weiß, wovon er spricht, er musste als Kind zum Familieneinkommen beitragen. Er stellte Ziegel her, hütete Schafe und verkaufte Eis auf der Straße.

Nach dem neuen Gesetz dürfen Kinder generell mit 14 Jahren arbeiten. Mit einer Sondergenehmigung der staatlichen Kinder- und Arbeitsschutzbehörde ist Geldverdienen bereits ab dem zehnten Geburtstag erlaubt. Dafür müssen die Kinder die Schule besuchen und ihre Familien zustimmen. Gesundheitsgefährdende Arbeit wie in den Minen, auf dem Bau, bei der Zuckerrohrernte oder das Müllsortieren ist verboten. Bolivien ist das erste Land weltweit, das Kinderarbeit ab zehn Jahren erlaubt. Rund 850.000 Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren arbeiten in dem Land. Das sind etwa 28 Prozent in der Altersgruppe. Ohne deren Zuverdienst könnten viele Familien im ärmsten Land Südamerikas nicht überleben.