Schottland

Der Tag der Entscheidung

Was ändert sich, wenn die Schotten beim Referendum für ihre Unabhängigkeit stimmen? Antworten auf die wichtigsten Fragen

Die Umfragen sind knapp: Der 18. September 2014 ist für Großbritannien ein historischer Tag. Am Donnerstag stimmen 4,2 Millionen Wahlberechtigte darüber ab, ob Schottland ein unabhängiger Staat werden soll – und die seit 1707 bestehende Union beendet wird. England, Wales und Nordirland formten das verbleibende Britannien. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen:

Was passiert bei einem Ja?

Die Referendum-Einigung von vor zwei Jahren sieht vor, dass in einer Übergangszeit von 18 Monaten die Modalitäten der Trennung zwischen Schottland und dem Rest des Vereinigten Königreichs verhandelt werden sollen. Viele halten diese Frist für zu kurz, bedenkt man die anstehenden Probleme: Währung, Renten, britische Staatsverschuldung, von der Schottland in jedem Fall seinen Teil mittragen muss. Besonders das Thema der am oberen Clyde bei Glasgow gelegenen britischen Atom-U-Boote, die Schottland nicht mehr bei sich stationiert sehen will, könnte zu einer längeren Rangelei führen. Ein Ersatzhafen in England ist nicht leicht aus dem Boden zu stampfen.

Was passiert bei einem Nein?

Wie versprochen müssen sofort die Beratungen des Unterhauses beginnen über die schottische „devolution max“ – eine Autarkie also, die über die schon jetzt bestehende regionale Hoheit der Edinburgher Regierung in Erziehungs-, Polizei- und Gesundheitsfragen hinausgeht. Das betrifft vor allem mehr Rechte bei den Steuern.

Kann Schottland bei einem „Yes“ das Pfund behalten?

Diese Frage wird großen Schlachtenlärm erzeugen. Finanzminister George Osborne hat bereits vor längerer Zeit eine Währungsunion ohne fiskalische und politische Union ausgeschlossen. Salmond hält dagegen: „Das Pfund gehört uns allen auf dieser Insel.“ Die Drohung, den unabhängigen Schotten die Währungsunion zu verweigern, kontern Stimmen aus dem „Yes“-Lager mit dem Argument, dann werde Schottland seinen Teil der britischen Staatsschuld eben nicht mehr ehren. Würde es dazu kommen, dann stiege das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandprodukt von bisher 77 auf 86 Prozent für den verbleibenden Rest der Insel. Auf jeden Fall wäre Schottland bei Beibehaltung des Pfundes kein monetär unabhängiges Land, denn die Geldpolitik läge weiter bei der Bank of England, welche die Zinssätze festlegt und als „Lender of Last Resort“ fungieren würde, sollten die schottischen Banken je ins Trudeln geraten. Ohne eine nationale Institution wie die Bank of England also wäre die schottische Unabhängigkeit so etwas wie eine Schimäre.

Schadet oder hilft eine Unabhängigkeit der schottischen Wirtschaft?

Darüber streiten beide Lager naturgemäß sehr heftig, jeweils gestützt von Ökonomen und deren Studien. Das „No“-Lager hat für sein Argument, dass Schottland seinen eigenen Ruin betriebe, in den vergangen Tagen verstärkt Rückenwind bekommen. Große Banken und Versicherer kündigten an, ihre Zentralen nach London zu verlegen, sollte es eine Abspaltung geben. In der Folge würden Jobs wegfallen und Gehälter gekürzt, warnen die „No“-Anhänger. Analysten warnten zudem, dass die Hauspreise in Schottland abstürzen würden, weil die Finanzhäuser vorübergehend kaum Kredite vergeben könnten. Ein Szenario, das die Einwohner der britischen Inseln im Mark trifft, ist das eigene Heim angesichts schlechter Rentenvorsorge bei vielen die einzig belastbare Altersvorsorge. Aber die schottischen Banken müssten, um eine eigene Zentralbank aufzubauen, Währungsreserven in zehnfacher Höhe aufbringen – was sich massiv auf die Kreditvergabe auswirkte. Das „Yes“-Lager zeigt sich von den vielen Argumenten natürlich unbeeindruckt. Endlich unabhängig von London könne man über Steuern, Sozialausgaben und Arbeitsmarktregulierung bestimmen, heißt es da selbstbewusst. „Wir haben die Leute, die Fähigkeiten und die Ressourcen, um aus Schottland ein erfolgreicheres Land zu machen“, verspricht Ministerpräsident Alex Salmond. Und die Schotten haben Öl: Schottland soll ein zweites Norwegen werden mit einem Zukunftsfonds, aus den Öleinnahmen gespeist.

Verliert Elizabeth II. bei einem Ja ihre schottischen Untertanen?

Natürlich verliert die Queen nicht ihre Hoheit über Schottland, denn Ministerpräsident Alex Salmond und die Mehrheit der Schotten wünschen sie sich auch bei einem Ja als Staatsoberhaupt. Nicht die Queen verliert Schottland – Schottland verliert bei der Unabhängigkeit das Vereinigte Königreich und reiht sich damit mit Elizabeth II. an der Spitze unter 16 andere Staaten ein, die ebenfalls, obwohl nicht zum United Kingdom gehörend, die Königin als Staatsoberhaupt anerkennen, wie Australien, Jamaika oder die Südseeinsel Tuvalu.

Bleibt ein unabhängiges Schottland EU- und Nato-Mitglied?

Mit einer schottischen Unabhängigkeit testet Europa völlig unbekannte Wasser. Klar ist: Sowohl bei der Europäischen Union als auch bei der Nato müssten die Schotten einen Antrag auf Mitgliedschaft stellen.

Was passiert mit dem Blau im Union Jack, der britischen Flagge?

Für den Moment eine mehr emotionale als sachliche Frage. Das College of Arms, das für Flaggen im Königreich zuständig ist, lehnt jeden Kommentar ab. 1606 wurde der Union Jack aus der Taufe gehoben: mit dem weißen Sankt-Andreas-Kreuz auf blauem Grund (Schottland) und dem roten Sankt-Georgs-Kreuz auf weißem Grund (England). 1801 kam Irland dazu mit dem roten Andreas-Kreuz, auch Sankt-Patricks-Kreuz genannt. Grün könnte als beste Alternative für das schottische Blau anstehen, denn die Waliser sind im Union Jack bisher nicht vertreten. Verfassungsrechtlich ist die Flaggenfrage ohnehin nicht von Belang, weil ihre Form niemals vom Parlament festgelegt wurde.