Umfrage

Europäer denken demokratisch

Neue Studie: In den 29 Staaten bekennen sich die meisten Bürger zu liberalen Errungenschaften – am wenigsten aber in Russland

Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie bedeutend ist es für Sie, in einem demokratisch regierten Land zu leben? Die Frage ist so simpel, dass sie in den meisten Ländern wie eine Aufwärmfrage wirken muss, und doch ist sie grundlegend für die sechste Ausgabe des „European Social Survey“, einer repräsentativen Studie über Verständnis und Bewertung der Demokratie auf dem Kontinent. Sozialwissenschaftler stellten die Frage mehr als 54.000 Menschen in 29 europäischen Ländern.

„Es gibt ein starkes Bekenntnis zur Idee der Demokratie in den meisten Ländern“, schreiben die Autoren der Studie. Das heißt: In 24 der 29 teilnehmenden Länder liegt der Wert bei über acht von zehn. Die Unterstützung für die Demokratie als Ideal liegt am höchsten in Zypern, auf kaum geringere Werte kommen nord- und mitteleuropäische Länder, auch Deutschland. Am geringsten ausgeprägt ist der Wunsch nach demokratischer Regierung in Russland: der Wert von 6,5 ist der weitaus geringste von allen Ländern. Was aber macht eine Demokratie? Die Studie fragt auch danach, differenziert die Vorstellungen von Demokratie aus. Freie Wahlen, Parteien, eine freie Opposition vorausgesetzt, fragt sie nach der Bedeutung einer „liberalen“ Dimension, die etwa Gleichheit vor dem Gesetz, Machtbalance zwischen den Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und freie Presse meint. Dazu kommt eine soziale Dimension, die die Fähigkeit eines Staates meint, für Schutz vor Armut oder für die Nivellierung von Einkommensunterschieden zu sorgen. Auch nach Aspekten direkter Demokratie fragt die Studie.

Anspruchsvolle Länder

Die Autoren wollten wissen: Welche dieser Dimensionen sind für die Umfrageteilnehmer unabdingbar mit der Demokratie verbunden? Die Antworten zeigen zum einen ein gemeinsames Verständnis über alle Länder hinweg, dass zur Demokratie all diese Punkte gehören können. Schlüsselt man die Ergebnisse aber nach Ländern und Regionen auf, zeigt sich ein differenziertes Bild davon, was den Menschen besonders wichtig ist. In einigen Ländern sind die Menschen sehr anspruchsvoll und verlangen alle drei Elemente. Das gilt insbesondere für die südosteuropäischen Länder Albanien, Bulgarien, Kosovo und Zypern. Im Gegensatz dazu sind die Befragten in Finnland, in der Slowakei, im Benelux und in Großbritannien erheblich weniger anspruchsvoll und „es ist unwahrscheinlicher, dass sie irgendeinen dieser drei großen Aspekte als unerlässlich für die Demokratie empfinden“, heißt es in der Studie – mehr oder weniger reichen ihnen freie Wahlen, wobei sowohl liberale als auch soziale Aspekte der Demokratie in den meisten dieser Länder so ausgeprägt sind, dass sie als selbstverständlich durchgehen können.

Dazwischen bewegen sich Deutschland, auch Schweden, Dänemark und Norwegen, wo die Menschen liberale Errungenschaften als zentral betrachten, nicht aber Elemente direkter Demokratie: Die Deutschen brauchen keine Referenden, um sich demokratisch regiert zu fühlen. In anderen Ländern, sie liegen oft in Süd- und Osteuropa, verlangen die Menschen vor allem eine soziale Dimension von einer Demokratie: Das gilt für Portugal und Spanien, für Frankreich, Italien und Zypern, für Slowenien und die Ukraine.

Bürger dieser Länder wollen vor Armut geschützt werden und sie mögen keine großen Einkommensunterschiede. Der soziale Index der Wünsche an die Demokratie liegt dort jeweils signifikant höher als die für liberale und direkte Aspekte der Demokratie. Soweit die Erwartungen – aber die Studie fragt auch nach der Einschätzung, wie weit die gelebte Demokratie an das Ideal heranreichen. Die Forscher kommen zum Ergebnis: „Europäische Demokratien bleiben hinter den Erwartungen ihrer Bürger zurück“, besonders hinter den Erwartungen an eine soziale Dimension: Mehr Sozialstaat wünschen sich vor allem die Bürger jener Länder mit europaweit vergleichsweise geringer Wirtschaftskraft und niedrigem Pro-Kopf-Einkommen.

Zufrieden mit dem Funktionieren ihrer Demokratien sind mehr als alle anderen die Nord-, dann die Westeuropäer. Die Bewertung ihrer Länder durch Süd- und Mittelosteuropäer fällt deutlich schlechter aus. Die Menschen merken wohl, ob ihr Land gut regiert wird oder nicht, und passen ihre Erwartungen an.