Extremismus

Kämpfer gegen den Terror

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, distanziert sich vom Extremismus im Namen des Islam

Aiman Mazyek stößt mit etwas Verspätung zur Diskussionsrunde „Antisemitismus heute“ bei der Böll Stiftung hinzu. Am Tisch sitzen Vertreter der jüdischen Gemeinde, Vorsitzende von Anti-Rassismus-Stiftungen, Vertreter der Bundesregierung. Mit dabei ist auch Stephan Kramer, bis Jahresbeginn Generalsekretär des Zentralrates der Juden. Kramer und Mazyek sind alte Bekannte. Von einem handfesten Problem mit Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen ist die Rede. „Ich würde mich freuen, wenn wir beim Thema Antisemitismus nicht nur auf den Muslimen rumhacken“, sagt Kramer. Mazyek ist der einzige Vertreter der Muslime hier. In jeder freien Minute tippt er in sein Handy. Eine „unheimliche Gemengelage“ gebe es derzeit, erklärt er, eine Verschärfung auf beiden Seiten: Hass gegen Muslime, Hass gegen Juden. „Antisemitismus steigt und islamfeindliche Übergriffe ebenso“, sagt Mazyek.

Klar positioniert

Der rheinische Singsang ist nicht zu überhören. Aufgewachsen ist Mazyek, 45 Jahre, in Aachen. Dort hat er Politik studiert, später Arabistik in Kairo. „Deutscher Weltbürger, syrisch-alemannischer Abstammung“, steht unter seinem Twitter-Profil. Seit vier Jahren ist er, Sohn eines Syrers und einer Deutschen, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. Noch nie hat er sich so klar positioniert wie in den vergangenen Wochen. Er hat die jüdische Gemeinde in Wuppertal besucht, nachdem diese Anfang August Ziel eines Brandanschlages wurde und betont: „Wer Gotteshäuser angreift, ob Synagogen, Kirchen oder Moscheen, führt Krieg gegen unseren Rechtsstaat.“ Er hat das getan, was viele deutsche Politiker seit Jahren von muslimischen Verbänden fordern: sich von Extremismus und Terror zu distanzieren. „Weltweit gibt es erstmals eine einheitliche Position der Muslime in Deutschland, vom sufischen Liberalen bis hin zum salafistischen Islam“, sagte Mazyek. „Die Schandtaten der Isis-Barbaren werden von allen scharf verurteilt.“

Mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel hat er die Mevlana Moschee in Kreuzberg besucht, die Ziel eines Brandanschlags wurde. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) lud ihn ein, mit ihm die Ordination von drei Rabbinern in Breslau zu besuchen. Im Gespräch ist er mit Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der am kommenden Freitag die Mahnwache der Muslime in Deutschland besuchen will. Mazyek ist einer der vier maßgeblichen Initiatoren. Unter dem Motto „Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht“ wollen die großen muslimischen Verbände ein Zeichen setzen. In Berlin, Hamburg, Mölln, Bielefeld, Oldenburg, Frankfurt und Stuttgart werden sich Muslime nach dem Freitagsgebet auf der Straße zu einer Friedenskundgebung versammeln.

Eine kleine Anzahl von Vertretern der muslimischen Verbände hatte es gegeben, die nur die Brandanschläge auf Moscheen in den vergangenen Wochen zum Thema der Mahnwache machen wollten. Kritiker wie der palästinensisch-israelische Psychologe Ahmad Mansour glauben, dass viele Verbände die Verantwortung nicht übernehmen wollen, dass der Terrorismus aus ihren eigenen Reihen entsteht. „Viele Jugendliche, ihre Väter und Mütter glauben fest, den IS gäbe es gar nicht“, sagt Mansour. „Das sei eine Verschwörung aus dem Westen, um den Islam zu diskreditieren.“ Bislang hätten die Verbände oft beleidigt reagiert, wenn man sie aufgefordert habe, mitzuarbeiten.

Die Mehrheit der Mitglieder aus dem Koordinationsrat der Muslime war nun dieses Mal dafür, in der Mahnwache von Freitag die Schandtaten des Islamischen Staats (IS, auch Isis) genauso zu verurteilen wie die salafistische Scharia-Polizei, den wachsenden Antisemitismus und die Angriffe gegen sie selbst. „Man muss jede Religion schützen und das auch glaubwürdig darlegen“, sagt Mazyek. „Nur dann kann ich auch Mitgefühl einfordern. Wir müssen raus aus dem defensiven Diskurs.“ Natürlich sei das Mitgefühl gegenüber Muslimen noch verbesserungsfähig. „Da müssen wir im Gegenzug auch noch lauter Kritik üben, wenn andere Teile der Gesellschaft zu Opfern werden.“

Mazyek ist zu einem wichtigen Akteur in der deutschen Politik geworden. Er ist ein Medien-Profi und ein moderner Mensch. Seine drei Kinder aus erster Ehe erzieht er mit seiner Ex-Frau gemeinsam. Die Tochter wohnt bei ihr. Der jüngere Sohn bei ihm. Der älteste studiert. Seit sieben Jahren jetzt ist Mazyek mit seiner zweiten Frau verheiratet, einer Türkin. Wenn es darum geht, öffentlich Flagge gegen Rassismus zu zeigen, ist Mazyek da. Neulich war er gemeinsam mit Kramer in Pasewalk in eine Schule eingeladen, um über Rassismus zu sprechen. Mazyeks Auto war kaputt, also hat Kramer ihn mitgenommen. Der Rektorin fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie die beiden aus dem Auto steigen sah. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie die beiden an entgegengesetzte Enden des Tisches platzieren muss.

„Das sind Verbrecher"

„Aiman wird jetzt stöhnen, aber trotzdem müssen wir fragen, was können muslimische Verbände tun gegen Antisemitismus?“ fragt Kramer jetzt. „Der Wille ist da, aber die Ressourcen fehlen“, entgegnet Mazyek. Dann kommt er wieder zu seinen Bekenntnissen. „Der Islam ist, wie alle anderen abrahamitischen Religionen, im innersten Kern antirassistisch.“ Mit dem Begriff muslimischer Antisemit sei er daher nicht glücklich. „Wer Muslim ist, kann kein Antisemit sein.“ Die Imame täten eine Menge, was der Gesellschaft nicht bewusst sei. Auch Ferid Heider, ein dem Salafismus nahestehender, aber gemäßigter Prediger der Spandauer Teiba-Moschee, warnte seine Anhänger mit eindringlichen Worten vor der Terrormiliz: „Das sind Verbrecher. Das sind Terroristen.“ Mazyek begrüßt, dass Prediger wie Heider vor der IS warnen. „Gerade diese Imame haben am ehesten einen Zugang zu gefährdeten Jugendlichen“, sagt Mazyek.

Mazyek bekommt immer wieder Kritik von Hardlinern, von der einen wie von der anderen Seite. Briefe, E-Mails, in denen steht, dass er zurückgehen soll in sein Land. Von Muslimen, die ihm vorwerfen, dass er den Ungläubigen auf den Leim gegangen ist. „Das muss man aushalten“, sagt er und steckt seinen Mont-Blanc-Füller wieder in seine Hemdtasche. Dann setzt er sich in sein Auto und fährt los.