Geschichte

Ein Tag, ein Traum

Vor 50 Jahren besuchte Martin Luther King auch den Ostteil Berlins. Sein Auftritt machte Mut

Wenn jemand zweimal die gleiche Rede hält, kann die Reaktion darauf trotzdem ganz unterschiedlich sein. Über die Wirkung entscheiden äußere Umstände wie Ort und Zeit, aber auch die Verfasstheit der Zuhörer. Der Satz von Martin Luther King „Wo Menschen die trennenden Mauern der Feindschaft abbrechen, die sie von ihren Brüdern trennen, da vollendet Christus sein Amt der Versöhnung“, den er am 13. September 1964 in der „Waldbühne“ in West-Berlin vor mehr als 20.000 Menschen äußerte, löste zustimmendes Kopfnicken aus.

Metapher und Realität

Die vielen Christen unter den Zuhörern verstanden ihn als Metapher, als Bild, das zum Anliegen des amerikanischen Baptisten passte. Der Satz von den trennenden Mauern, von ihm wenige Stunden später in zwei überfüllten Kirchen in Ost-Berlin wiederholt, erzeugte dagegen atemlose Stille. Denn die Metapher war für viele DDR-Bürger Wirklichkeit. Und eine Grausame dazu, sobald jemand versuchte, die aus Beton und Stein gemauerte Grenze in der geteilten Stadt zu überwinden.

Davon konnte sich Martin Luther King persönlich am Vormittag seines Kurzbesuchs überzeugen, der auch heute nach 50 Jahren noch immer durch seine Einmaligkeit und Symbolik beeindruckt. In den Morgenstunden des 13. Septembers war Michael Meyer, ein 21-jähriger Jockey aus der DDR, beim Überwinden der Sperranlagen niedergeschossen, aber von einem US-Soldaten mit einem Seil über die Mauer in die Freiheit gezogen worden. King eilte an den Ort, gab Interviews und sprach mit den Bewohnern eines West-Berliner Wohnhauses, das deutliche Einschüsse aufwies. Einige Kugeln hatten über die Mauer hinweg auch Fenster durchschlagen und Einrichtungsgegenstände beschädigt.

Dieses Erlebnis mag den weltweit bekannten Bürgerrechtler und Gegner der Rassentrennung bestärkt haben, am Abend in Ost-Berlin aufzutreten. Während er nach West-Berlin offiziell vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt eingeladen worden war, um unter anderem in der Philharmonie an einer Gedenkfeier für den 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy teilzunehmen, war die Einladung nach Ost-Berlin mehr auf privater Ebene durch Probst Heinrich Grüber erfolgt. Der hatte King geschrieben. Grüber, zur NS-Zeit im kirchlichen Widerstand und ins KZ gesperrt, lebte 1964 als Kritiker der restriktiven SED-Kirchenpolitik in West-Berlin, die Einreise zu seinen Gemeinden war ihm seit dem Mauerbau 1961 verwehrt. Den Auftritt Kings mag der Probst als Chance betrachtet haben, seine Kollegen in Ost-Berlin in ihrem schwierigen Alltag zu stärken.

Kings Einreise gehört zu den unvergesslichen Anekdoten seines Besuchs. Entweder aus Sorge um seine Sicherheit oder weil sie nicht wollten, dass er zu den Kommunisten fährt, hatten ihm die US-Behörden in West-Berlin den Pass abgenommen. Der Prediger, berühmt durch sein „I have a dream“, wurde von den DDR-Grenzposten jedoch erkannt, nach einem kurzen Telefonat mit ihren Vorgesetzten durfte er passieren. Als Identifizierung genügte, dass King seine American-Express-Karte vorzeigte.

Was er am Checkpoint Charlie nicht ahnen konnte: Die Marienkirche in der Nähe des Alexanderplatzes, in der er reden sollte, war bereits eine Stunde vor Beginn hoffnungsvoll überfüllt. Obwohl die DDR-Zeitungen auf Weisung der SED den Besuch verschwiegen hatten, fanden rund 3000 DDR-Bürger den Weg dorthin. Alle Bitten der Kirchen-Verantwortlichen an die Hunderten Wartenden, doch wieder zu gehen, halfen nichts. Nach kurzer Beratung verkündeten sie, dass King in der nahe gelegenen Sophienkirche eine zweite Predigt halten werde. Auch die wurde voll.

Gleich mit den ersten Worten zog er die Zuhörer in seinen Bann. Er grüßte die „lieben christlichen Freunde aus Ost-Berlin“ von den Christen im Westteil der Stadt und aus den USA, er dankte seinen Eltern, die ihm den Namen des großen Reformators gegeben haben. „Wir, die wir uns eingesperrt und allein gelassen fühlten, wurden von Christen im Westen gegrüßt. Das hat mich sehr bewegt“, erinnert sich eine Zuhörerin. Dann sprach King über seinen Glauben, seine Philosophie der Gewaltlosigkeit, seine Visionen. Er vermied es, Stellung zu den aktuellen Ereignissen zu nehmen. Doch seine Sätze mussten genau als das verstanden werden. „Hier sind auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen!“, rief King und sagte: „In diesem Glauben können wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung hauen.“ Gerade im Glauben, so der Amerikaner, gelinge es Menschen, für die Freiheit aufzustehen „in der Gewissheit, dass wir eines Tages frei sein werden“.

Die Menschen lauschten gebannt, bei vielen brannten sich die Worte Freiheit, Gewaltlosigkeit, Glauben ein. Noch nie hat jemand zu ihnen so menschlich über Veränderungen gesprochen, bar jeder Ideologie. Gesine Schuppan, Tochter von Superintendent Schmitt, schwärmt noch heute davon, wie authentisch King in seinem Auftreten gewirkt habe. „Solch einem Menschen begegnet man nicht oft.“

Stasi-Spitzel in den Kirchen

Auch wenn die DDR-Regierung offiziell wenig Interesse an dem Besuch zeigte, wissen wollte sie schon, was sich in der Kirche abspielt. So saßen Stasi-Spitzel im Publikum, ein Fotograf, von dem eindrucksvolle Aufnahmen von der Predigt stammen, arbeitete ebenfalls für den Geheimdienst. Noch im Juli 1964 hatten DDR-Zeitungen wie das „Neue Deutschland“ den „Negerführer Dr. Martin Luther King“ dafür gelobt, dass er die Nominierung des Konservativen Barry Goldwater als US-Präsidentschaftskandidaten gebrandmarkt hatte, weil dessen Philosophie „moralisch unhaltbar, politisch und sozial selbstmörderisch“ sei. Über die Rede in den Ost-Berliner Kirchen, die mit einer Predigt wenig zu tun hatte, verfasste die DDR-Presse nur dürre Meldungen, in denen die Sätze über Grenzen und Mauern ausgespart wurden.