Kriminalität

Chinas Mondkuchen haben es in sich

Politbüro macht Jagd auf Zehntausende korrupte Beamte, die das süße Gebäck jedes Jahr mit teuren Beigaben entgegennehmen

Das Zentralkomitee ist das oberste Leitungsgremium der Kommunistischen Partei Chinas und damit des ganzen Landes. Nur wenn das ZK gerade nicht tagt, dann gibt es ein noch kleineres und mächtigeres Gremium, nämlich das Politbüro. Und wenn das Politbüro gerade nicht tagt, dann gibt es ein noch einmal kleineres und noch weitaus mächtigeres Gremium, das tatsächlich allerhöchste Entscheidungsorgan im Reich der Mitte: Der Ständige Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas. Wenn sich die sieben mächtigsten von 1,3 Milliarden Chinesen unter Staats- und Parteichef Xi Jinping zusammensetzen, dann geht es um Schicksalfragen der Nation. Zum Beispiel um Mondkuchen.

Das klebrige, handtellergroße, schwer verdauliche Naschwerk schenken sich Hunderte Millionen Chinesen zum traditionellen Familienfest am Abend der ersten Vollmondnacht im Herbst. Dieses Jahr fällt es nach dem Bauernkalender auf kommenden Montag. Das Mürbegebäck gehört zum Fest wie der Stollen zu deutschen Weihnachten. Plötzlich aber macht Chinas Parteiführung mobil gegen die Küchlein. Der Kommunistischen Partei geht es um den Missbrauch zur Verführung ihres bestechlichen Funktionärsheers.

Der oberste ZK-Disziplinswächter Wang Qishan brachte das Thema Anfang August auf die Tagesordnung des Politbüro-Ausschusses, um die „Mondkuchen-Korruption“ zu stoppen. Parteichef Xi habe sich hinter ihn gestellt, sagte Wang. Als er noch Bürgermeister von Peking gewesen sei, habe er bemerkt, wie immer kurz vor dem Mondfest Chaos im innerstädtischen Verkehr ausgebrochen sei. Der Grund: Zehntausende Hauptstädter, die ihre Mondkuchen-Geschenke Amtsträgern oder anderen einflussreichen Personen persönlich ins Haus brächten. Die Packungen hätten es in sich, sagte Wang. „Zuerst wurden Handys beigelegt, dann Bargeld, Schmuck und Gold. Jedes Jahr wird es schlimmer.“

Wang sprach von unglaublichen Zuständen in der Mondkuchensaison: Da gebe es Kombipackungen von Küchlein mit XO-Cognacs, Markenparfüms, Geldkarten für Shoppingmalls, die Geschäftemacher als „kleine Aufmerksamkeit zum Mondfest“ vor allem an Funktionäre von Genehmigungs- oder Aufsichtsbehörden verschenkten. In Pekings Nachbarstadt Tianjin böten Hersteller ganz besondere Pakete mit acht Mondkuchen für abenteuerliche 99.999 Yuan an, umgerechnet etwa 12.000 Euro. Kein Wunder: In den Küchlein versteckten sich jeweils 50 Gramm schwere Goldbarren. In Kunming offerierte ein Hersteller sein Mondkuchen-Ensemble für umgerechnet 36.000 Euro. Der Preis erklärt sich dadurch, dass neben dem Süßzeug ein Kaufvertrag über eine 100 Quadratmeter Wohnung zum Paket gehört.

Parteichef Xi will dem nun ein Ende machen. Mit seinem Amtsantritt 2012 begann er eine Anti-Korruptionskampage gegen „Fliegen und Tiger“, also kleine wie große Täter. Hunderte wurden seither festgenommen, darunter fast 50 Funktionäre im Rang von Vizegouverneuren, Vizeministern und noch höheren Amtsträgern. Zugleich ging er mit acht Tabu-Regeln gegen den „verschwenderischen und korrupten Arbeits- und Lebenstil“ der Staatsangestellten (den „Fliegen“) vor, darunter auch die Annahme von Geschenken zu Feiertagen, Gelagen, Luxusreisen und Konsum auf Staatskosten.

67.679 Verstöße von Beamten

Am Donnerstag zog der Minister für Überwachung Huang Shuxian auf der Webseite der ZK-Kontrolleure Bilanz über den Kampf gegen die Fliegen. Danach wurden 2014 im ersten Halbjahr 67.679 Beamte wegen Verstoß gegen die acht Verhaltenstabus bestraft. 18.365 wurden parteiintern verurteilt. Der Missbrauch von Mondkuchen steht seit dem 10. August ganz oben auf der Agenda. Die Bürger sind aufgefordert, alle Beamten anzuzeigen, die sich das Gebäck und seine Beilagen schenken lassen oder auf Staatskosten verschicken. Mondkuchenhersteller Chen in Kanton erlebte jetzt die grotesken Folgen der Kampagne, als er wie jedes Jahr einem befreundeten Stadtbeamten sein frisches Gebäck zum Fest verehren wollte. Als er mit seinem Geschenkpaket vor der Behörde eintraf, ließ sich sein Freund aus Angst vor der Gabe verleugnen.

Nach der Legende waren Mondkuchen einst das Medium für eine Volksrevolution. Im 14. Jahrhundert sollen sich die Pekinger heimlich zum gemeinsamen Aufstand gegen die mongolisch beherrschte Yuan Dynastie verabredet haben, indem sie in ihrem verschenkten Mürbegebäck papierene Botschaften versteckten. Ausgerechnet im sozialistischen China wurden die Mondkuchen dann mit Gold und Juwelen vollgestopft, um Funktionäre zu bestechen.

Seitdem Mondkuchen nur noch zum privaten Verzehr gekauft werden und Regierungsaufträge schlagartig ausblieben, verfallen die Preise. In den Kaufhäusern stapeln sich die Mondkuchen. Aufwändige Geschenkpackungen kosten maximal 35 Euro und werden trotzdem nicht gekauft. „Früher fingen wir bei dem Preis erst an“, sagt eine Verkäuferin. 2013 wurden in China trotz spürbaren Umsatzeinbruchs immerhin noch 280.000 Tonnen oder fast eine Milliarde Mondkuchen verkauft. Dieses Jahr erwartet die Branche einen Rückgang um mindestens 30 Prozent. Es werde viele der kleinen auf Mondkuchen spezialisierten mehr als 10.000 Backfabriken des Landes hart treffen. Das wird das „sparsamste Mondkuchen-Fest seit Jahrzehnten“ titelte die „Global Times“.