Terror

„Drei Tage in der Hölle“

Der 23-jährige Ali Hussein Kadhim erzählt, wie er im Juni das Massaker des IS an 1700 irakischen Soldaten überlebte

Ali Hussein Kadhim erinnert sich noch, wie ihm das Blut des Mannes ins Gesicht spritzte, der vor ihm stand. Wie er zu Boden sank. Das war Nummer drei in der Reihe, und er, der Soldat Kadhim, sollte Nummer vier sein. Er und alle anderen Schiiten hatten hintereinander antreten müssen.

Die sunnitischen Kameraden hatten die Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) freigelassen, als sie Kadhims Einheit gefangen genommen hatten. Nun vollzogen die sunnitischen Extremisten in einem verlassenen Palast des Diktators Saddam Hussein ein grausames Ritual an ihren Geiseln: Ein Mann nach dem anderen sollte erschossen werden, mehr als 1700 Menschen in wenigen Tagen, ein Exzess, den die Terroristen als digitales Video ins Netz stellen wollten.

Kadhim erinnert sich noch an die Kamera, die sich auf ihn richtete, als das Erschießungskommando anlegte. „Ich sah meine Tochter vor mir, sie rief ‚Papa, Papa‘“, erzählt er. Dann hörte er die Schüsse und spürte, wie eine Kugel an seinem Kopf vorbeipfiff. Er ließ sich nach vorn in den frisch ausgehobenen Graben fallen. „Ich habe einfach so getan, als wäre ich erschossen worden.“ Das war seine Rettung. Aber es war keine Erlösung. Die Ereignisse jener Juni-Tage in Tikrit, der Heimat des gestürzten Diktators, bewiesen der Weltöffentlichkeit endgültig die grenzenlose Brutalität des IS.

Während er dalag, hörte Kadhim einen der Mörder zwischen den Leichen vorbeigehen. Offenbar bemerkte der Terrorist einen Mann, der noch immer atmete. „Lass ihn doch leiden“, sagte ein anderer Kämpfer. „Das ist ein Ungläubiger. Lass ihn leiden. Lass ihn bluten.“

„In diesem Moment“, sagt Kadhim, „spürte ich einen unbändigen Willen zu leben.“ Er wartete vier Stunden lang zwischen den Leichen seiner Kameraden, bis die Dunkelheit hereinbrach und es still wurde. Dann kroch er die 200 Meter zum Ufer des Tigris, wo er ein Schiff fand, auf dem er sich verstecken konnte – und noch einen weiteren Überlebenden des Massakers fand. Abbas war Fahrer auf der Militärbasis gewesen. Die Terroristen hatten ihn angeschossen und in den Fluss geworfen. Er hatte sich auf das Schiff retten können, doch seine Verletzung war so schwer, dass er sich kaum mehr bewegen konnte. Drei Tage lang ernährten sich die beiden von Insekten und Pflanzen. „Es waren drei Tage in der Hölle“, sagt Kadhim. IS, so viel war klar, beherrschte Tikrit, und auf Rettung schien keine Aussicht zu bestehen.

Als Kadhim begann, die Flucht zu planen, bat Abbas ihn, irgendwann zurückzukommen und ihn zu holen. Und wenn das nicht möglich sei, dann solle er wenigstens der Welt ihre Geschichte erzählen. „Alle sollen wissen, was hier passiert ist“, sagte Abbas.

Jetzt sitzt Kadhim im Haus seiner Familie im Süden des Irak. Eigentlich ist gerade Ernte auf der Obstplantage seines Onkels, aber jetzt am Nachmittag braucht er eine Pause. Der 23-Jährige ist einer der wenigen Zeugen jenes Massakers von Tikrit, und vielleicht ist er derjenige, der am meisten gesehen hat. Kadhim spricht ruhig und in einfachen Worten über die Erschießungen, Abbas und das Schiff – und darüber, wie er sich vom Ufer des Tigris fortschlich und auf eine fast drei Wochen dauernde Reise in den Süden ging. Er musste versuchen, von möglichst wenigen Menschen gesehen zu werden. Sein Weg führte ihn durch das von den Rebellen eroberte Ödland, er konnte nur auf das Mitleid der Bevölkerung zählen, zumeist waren es Sunniten, die ihm halfen.

Kadhim ist sicher, dass IS noch immer Hunderte von Soldaten des Stützpunkts von Tikrit als Geiseln hält. Die Geschichte des Massakers sagt einiges aus über den miserablen Zustand des irakischen Militärs, einer Armee, die von Amerikanern ausgebildet wurde und in die sie Milliarden von Dollars gepumpt haben. Aber sie erzählt noch mehr über die Grausamkeit von IS.

Die falsche Entscheidung

Nachdem die Kämpfer am 10. Juni Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak, überrannt hatten, führten sie ihre Offensive nach Süden Richtung Tikrit fort. In Tikrit herrschten rund um die Armeebasis Chaos und Angst. Camp Speicher heißt sie. So war sie nach der US-geführten Invasion 2003 genannt worden. Dort war auch Kadhim stationiert, der erst zehn Tage zuvor als Rekrut zur Armee gekommen war. Als IS näher kam, flohen die Offiziere, erzählt Kadhim. So war es auch zuvor in Mossul gewesen. „Wir waren ganz allein auf uns gestellt. Also entschieden wir, dass auch wir fliehen wollten, denn es waren ja keine Vorgesetzten mehr da.“

Er und seine Kameraden legten die Uniformen ab und zogen Zivilkleidung an. Die meisten hatten nichts weiter als Trainingsanzüge und Sandalen dabei. Dann begannen sie, durch das Kasernentor hinauszumarschieren. Sie waren nicht weniger als 3000 Soldaten.

Es war eine falsche Entscheidung mit grausigen Folgen: Bis zu diesem Tag hatten die Kämpfer noch nicht geschafft, Camp Speicher einzunehmen. Wären Kadhim und seine Kameraden dort geblieben, wären sie sehr wahrscheinlich in Sicherheit gewesen. Sie dachten, sie könnten zu Fuß bis nach Bagdad kommen, das ungefähr 180 Kilometer südlich liegt. Aber schon nach einigen Kilometern stießen die Männer in der Nähe der Universität von Tikrit auf eine Gruppe von 50 Kämpfern des Islamischen Staats in gepanzerten Fahrzeugen. „Sie sagten: ‚Macht euch keine Sorgen, wir bringen euch nach Bagdad‘“, erzählt Kadhim. „Sie wollten uns in Sicherheit wiegen. Sie haben uns überlistet.“

Kadhim und andere Augenzeugen sagen, die sunnitischen Araber in Tikrit, darunter auch viele Angehörige des Stammes von Saddam, hätten dem IS bei den Massenexekutionen geholfen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss soll in Sachen des Massakers ermitteln, aber nur wenige vertrauen darauf, dass der Staat hier wirklich etwas erreicht. Zahllose verzweifelte Angehörige von vermissten Soldaten haben am Dienstag das irakische Parlament in Bagdad gestürmt, das Mobiliar zerstört und verlangt, mit den Volksvertretern zu sprechen, von denen die meisten schon eilig das Gebäude verlassen hatten. In Kadhims Heimat Diwania, aus der auch einige andere Soldaten stammten, die in Tikrit getötet wurden, ist das kollektive Gedächtnis noch immer geprägt vom Trauma des schiitischen Aufstands gegen Saddam 1991.

Es war mitten in der Nacht, als sich Kadhim in das kalte Wasser des Tigris gleiten ließ. Die Strömung war stark, aber Kadhim ließ sich ein Stück flussabwärts treiben und konnte dort das Ufer erreichen. In der Dunkelheit hörte er entferntes Gewehrfeuer und ging einen knappen Kilometer Richtung Norden, bis er eine leere Schilfhütte fand. Dort legte er sich nieder und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen entdeckte er in einiger Entfernung weitere Hütten und machte sich auf zu ihnen. Eine sunnitische Familie nahm ihn auf und gab ihm seine erste echte Mahlzeit seit Tagen: Eier und Joghurt.

Doch die Leute hatten Angst, dass IS Kadhim finden und auch sie bestrafen könnte. Sie brachten ihn zu Freunden in ein anderes Dorf, wo er weitere drei Tage in Sicherheit war. Dann kam er in die Stadt al-Alam, wo der sunnitische Scheich Khamis al-Dschuburi seinen Stamm regiert. Der Scheich hat ein geheimes Transportsystem für schiitische Soldaten aufgebaut, die vor dem IS auf der Flucht sind. „Wir haben auch 40 irakischen Soldaten aus Anbar, Diyala, Mossul und Bagdad geholfen, wieder nach Hause zu kommen, indem wir ihnen gefälschte Papiere ausstellten“, sagt Dschuburi.

Kadhim blieb fast zwei Wochen bei dem Scheich, bis ihm die Lage sicher genug erschien, um nach Erbil in die autonome Kurdenregion zu reisen. Auf dem Weg dorthin mussten sie mehrere Kontrollpunkte von IS passieren. In Erbil traf Kadhim seinen Onkel, der von Nadschaf aus dorthin gekommen war. Schließlich erreichte er, nach einer langen Irrfahrt mit dem Auto, seine Heimatstadt. „Ich war überglücklich, als ich meine Familie wieder umarmen konnte. Sie weinten, und ich lachte.“

© New York Times 2014 / Aus dem Englischen von Ronald Gutberlet