Kommentar

Die Republik normalisiert sich

Hajo Schumacher über die Alternative für Deutschland

Na, das ist ja eine Überraschung: Wird die AfD nach den knapp zehn Prozent von Sachsen nun tatsächlich von Meinungsforschern bundesweit auf über fünf Prozent taxiert. Geht die Republik unter? Nein, sie normalisiert sich nur. Fakt ist: In nahezu jedem europäischen Land gibt es eine national gesinnte Partei des Früher-war-alles-besser.

In Deutschland schätzen Forscher den Anteil stramm konservativer Wähler auf über zehn Prozent. Da die Union diese Kundschaft nicht mehr bedienen mag, ist nahezu naturgemäß eine neue Partei herangewachsen für Menschen, die sich unwohl fühlen in Zeiten allgegenwärtiger Unsicherheit, abgehängt, marginalisiert, bedroht. Wer ein Gestern besingt, wo angeblich alles schöner, besser und sicherer war, nicht so viele Ausländer und die tolle D-Mark, wer zudem noch das Glück hat, simple Parolen bislang nicht in Politik umsetzen zu müssen, dem fliegen Wählerstimmen automatisch zu. An wen hat sich denn das düstere Sarrazin-Buch weit über eine Million mal verkauft?

Aber Ignorieren oder Stigmatisieren hilft nicht gegen eine AfD, die keine Sach-, sondern eine Emotionspartei ist. Mit jeder Attacke scharen sich die Anhänger nur noch dichter zusammen, ein Feind schafft mehr Zusammenhalt als jedes Parteiprogramm. Und als Feinde gelten nicht nur konkurrierende Politiker, sondern Medien, Wissenschaftler, Unternehmen, eigentlich alle, die nicht für die AfD sind.

Es gibt nur einen Weg, mit der neuen Partei umzugehen – den demokratischen. Im parlamentarischen Alltag zeigt sich schnell, ob die gepredigten Tugenden von Fleiß, Sparsamkeit und neuen Ansätzen auch gelebt werden. Manche Neupartei hat sich entzaubert, sobald etwas Lästiges wie Arbeit anstand. Zudem hat auch die AfD vollumfänglichen Anspruch auf die liebevolle Beobachtung durch ernsthafte Medien. Und es geht ja schon los. Kaum war der Kater von der sächsischen Siegesfeier verraucht, da machten über den Kurznachrichtendienst Twitter internen Papiere mit hochproblematischen Formulierungen die Runde.

So wie die CDU/CSU und FDP einst mit ihren Nazi-Altlasten rangen, die Grünen mit Päderasten und die Linke mit der Stasi, so bekommt nun auch die AfD eine Chance, sich klar zu positionieren. Hat der Vorsitzende Lucke Mut und Kraft, die Braunen in Nadelstreifen zu verbannen? Sauberkeit ist doch eine deutsche Kerntugend. Dann räumen Sie mal auf, Herr Lucke. Die Zeit des Redens ist vorbei.