Krise

Die Deutschen sorgen sich am meisten ums Geld

Euro-Krise hinterlässt tiefe Spuren in den Seelen. Berliner sind am optimistischsten

Die Politik möchte es gern so darstellen, dass die Euro-Schuldenkrise im Wesentlichen gelöst ist. Doch die Deutschen sehen es anders. Nichts raubt ihnen so sehr den Schlaf wie die Angst, dass die Finanzprobleme in der europäischen Währungsunion noch ein böses Nachspiel haben werden. Ganze 60 Prozent der Bundesbürger fürchten, dass die europäische Schuldenkrise den deutschen Steuerzahlern über kurz oder lang erhebliche Kosten bescheren wird. Und nicht weniger als 58 Prozent der Bundesbürger geben an, dass sie vor nichts auf der Welt mehr Angst haben als vor steigenden Lebenshaltungskosten, also Inflation.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der R+V-Versicherung zu den Ängsten der Deutschen. Die Studie wird seit mehr als 20 Dekaden jedes Jahr durchgeführt und ist nicht zuletzt deshalb viel beachtet, weil sie einen tiefen Einblick in das sich wandelnde Seelenleben der Bürger gewährt. Die Berliner machen sich demnach bundesweit die wenigsten Sorgen. Wie im Vorjahr war Berlin das optimistischste Bundesland.

Laut der Studie hatte jeder dritte Hauptstädter (33 Prozent) große Angst vor der Zukunft. Im ängstlichsten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern war es dagegen jeder Zweite. Am meisten Angst hatten die Berliner vor steigenden Lebenshaltungskosten – 59 Prozent der Befragten gab an, sich davor zu fürchten. Brandenburg ist dagegen das drittängstlichste Bundesland. In der Mark gaben 45 Prozent der Befragten an, große Angst vor der Zukunft zu haben.

Wenig Angst vor Jobverlust

Während bundesweit die Angst vor Inflation unvermindert hoch ist und schon 15 Mal als größte Sorge genannt wurde, ist die Angst vor Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand der letzten 20 Jahre gefallen. Nur noch 33 Prozent der Deutschen bereitet die Gefahr Kopfzerbrechen, selbst den Job zu verlieren.

Nur eine einzige Sorge bewegt die Deutschen ähnlich stark wie die Sorge ums Geld: eine verrückt spielende Umwelt. Immerhin 51 Prozent der Befragten nennen Naturkatastrophen als die größte Bedrohung in ihrem Leben. Die Angst, ein Opfer wütender Elemente zu werden, ist damit genauso ausgeprägt wie die Angst davor, im Alter als Pflegefall zu enden. Denn das gaben in der Umfrage ebenfalls 51 Prozent als ihre größte Angst an.

„Es gibt zwei Ängste, die bei den Deutschen besonders tief sitzen: die Angst ums Geld und die Angst um die Umwelt“, erklärt Manfred Schmidt, Professor für Politologie an der Universität Heidelberg und Autor der Studie. Die ausgeprägte Angst vor Geldentwertung sei der „Dauerbrenner“ unter den Ängsten der Deutschen, drückt es Rita Jakli, Leiterin des R+V-Infocenters, aus.

Aus der jetzigen Situation ist das nur zum Teil rational zu erklären. Für das Gros der Bevölkerung sind explodierende Preise derzeit kein Problem. Denn die Inflationsrate liegt seit Monaten weit unter dem von der Europäischen Zentralbank (EZB) gesteckten Ziel von zwei Prozent.

„Wenn es ums Geld geht, haben die Deutschen eine besondere Sensibilität entwickelt, das hat mit der historischen Erfahrung der Hyperinflation und den Währungsreformen zu tun“, sagt Politologe Schmidt.

Die Angst vor Naturkatastrophen hat mit dem ausgeprägten Umweltbewusstsein in Deutschland zu tun. Allerdings schlagen sich in dem hohen Wert von 51 Prozent auch jüngste extreme Wetterereignisse nieder.

Zurückgegangen ist die Befürchtung, das Staatswesen könnte kollabieren. Politiker, die nicht mehr Herr der Situation sind, nannten nur noch rund 44 Prozent der Befragten als ihre größte Sorge. In der Zeit der großen Koalition hat die Angst vor einer Überforderung der Politik damit den Tiefststand erreicht. Noch vor zwei Jahren befürchteten 55 Prozent, dass die Regierung katastrophal versagen könnte. „Politische Polarisierung lässt die Ängste steigen, bei der Großen Koalition lässt sich das Gegenteil beobachten“, sagt Schmidt.

Die Angst vor einer Verschlechterung der Wirtschaft ist deutlich zurückgegangen. Nur noch 41 Prozent nannten das als ihre größte Sorge. Mit minus neun Prozent hat sich keine Befürchtung gegenüber dem Vorjahr so stark reduziert wie die vor einem Konjunktureinbruch – und das, obwohl die Wirtschaft 2014 viel schlechter läuft als 2013. Allerdings ist es nicht ganz klar, inwieweit die Gefahr einer Abkühlung durch den Ost-West-Konflikt schon ins Bewusstsein vorgedrungen ist.

„Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung wird durchaus positiv gesehen, für die individuelle wirtschaftliche Situation gilt das nicht unbedingt“, erklärt Schmidt. Das habe auch damit zu tun, dass die Erwartung steigender Steuern und Abgaben die Furcht vor steigenden Lebenshaltungskosten befeuere.

Allerdings ist das Gesamtniveau der Angst im Jahr 2014 für deutsche Verhältnisse erstaunlich niedrig. Der von der R+V ermittelte Angstindex erreicht mit einem Stand von 39 den niedrigsten Wert seit dem Jahr 1994. Bei der Studie wurden rund 2500 Bürger befragt.