Gedenken

Gauck verspricht den Polen Solidarität

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg: Bundespräsident reist nach Danzig – wo 1939 die ersten Schüsse fielen

Friedlos flackert das Kerzenlicht, als Joachim Gauck sich herabbeugt zu den Gräbern. Die Schale mit der Grableuchte legt er stumm nieder vor die Toten, die hier ruhen. Vor den Gefallenen des Infernos, das hier vor genau 75Jahren begann.

Der Bundespräsident ist auf die Westerplatte gereist, an den Strand der polnischen Ostseeküste. Vor der bewaldeten Halbinsel nah bei Danzig fielen am frühen Morgen des 1. September 1939 die ersten Schüsse, die für den Überfall auf Polen stehen, abgefeuert vom deutschen Kriegsschiff „Schleswig Holstein“. Gauck ist hierhergekommen, um der Toten des polnischen Heeres zu gedenken. Und um die Lehren aus der Katastrophe von damals für die unfriedliche Welt von heute zu ziehen.

Sieben Tage hatten die polnischen Soldaten die Westerplatte verteidigt, bevor sie sich der deutschen Übermacht schließlich beugten. Bis heute ist die sandige Halbinsel den Polen deshalb ein Symbol des Widerstands. Am Mahnmal für die Gefallenen, nicht weit von den Kriegsgräbern, steht Gauck neben dem polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski und beschwört die Widerständigkeit von damals.

„Für mich, für uns, für alle Nachgeborenen in Deutschland, erwächst aus der Schuld von gestern eine besondere Verantwortung für heute und morgen.“ Heute, das heißt für Gauck: im Ukraine-Konflikt, im Ringen mit der Unberechenbarkeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der hatte noch vor fünf Jahren mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf der Westerplatte eine Gedenkfeier abgehalten.

Über Jahre habe Europa sich in Putin getäuscht, sagt Gauck. „Wir glaubten und wollten daran glauben, dass auch Russland, das Land von Tolstoi und Dostojewski, Teil des gemeinsamen Europa werden könne. Wir glaubten und wollten daran glauben, dass politische und ökonomische Reformen unseren Nachbarn im Osten der Europäischen Union annähern und die Übernahme universeller Werte in gemeinsame Institutionen münden würden. Wohl niemand habe damals geahnt, wie dünn das politische Eis gewesen sei. „Wie irrig der Glaube, die Wahrung von Stabilität und Frieden habe endgültig Vorrang gewonnen gegenüber Machtstreben“, sagt Gauck.

Es sind die bislang deutlichsten Worte, die Gauck an Putin richtet. An seinem Missfallen gegenüber dem russischen Präsidenten, den Verstößen gegen Freiheitsrechte und Rechtsstaatlichkeit in Russland, hat der frühere DDR-Bürgerrechtler nie einen Zweifel gelassen. „Nach dem Fall der Mauer hatten die Europäische Union, die Nato und die Gruppe der großen Industrienationen jeweils besondere Beziehungen zu Russland entwickelt und das Land auf verschiedene Weise integriert“, sagt Gauck. „Diese Partnerschaft ist von Russland de facto aufgekündigt worden.“

Ziel der deutschen Soldaten war am 1.September 1939 das Munitionslager der polnischen Armee auf der Westerplatte. Die Polen hatten das Depot schon einige Jahre zuvor angelegt. Im polnisch-sowjetischen Krieg lag der Anfang, als sowjetische Truppen die Hauptstadt Warschau angriffen. Die Angst der Polen vor einer neuen Aggression aus dem Osten ist nie verschwunden, in der Eskalation der Ukraine-Krise ist die Furcht wieder heiß aufgeflammt. Gauck will deshalb ein Signal des Beistands geben, ein gewagtes Manöver mit großer Symbolkraft: Ausgerechnet Gauck, das Staatsoberhaupt der Deutschen.

Aber Gauck verspricht Solidarität. „Weil wir am Recht festhalten, es stärken und nicht dulden, dass es durch das Recht des Stärkeren ersetzt wird, stellen wir uns jenen entgegen, die internationales Recht brechen, fremdes Territorium annektieren und die Abspaltung in fremden Ländern militärisch unterstützen.“ Und dann droht Gauck dem russischen Präsidenten: „Wir werden Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen.“