Terror

„Wir sind in unserer Existenz bedroht“

Der Erzbischof der irakischen Stadt Mossul befürwortet ein militärisches Eingreifen gegen den „Islamischen Staat“

Nach dem Vormarsch der Terrormilizen des „Islamischen Staats“ im Irak sieht sich die christliche Minderheit des Landes einer massiven Verfolgung ausgesetzt. Erst am Sonnabend hatte die US-Luftwaffe auch Stellungen in der Nähe der größten irakischen Talsperre bei Mossul bombardiert. Die Stadt wird von der Terrormiliz beherrscht. US-Außenminister John Kerry bezeichnete die Gruppe als Krebsgeschwür, das sich nicht auf andere Staaten ausbreiten dürfe. Die Morgenpost sprach mit dem chaldäisch-katholischen Erzbischof der Stadt Mossul, Emil Shimoun Nona, bei einem kurzen Berlin-Besuch über die Lage der Christen in seiner Heimat und die Irak-Politik des Westens.

Berliner Morgenpost:

Herr Erzbischof, Ihre Heimatstadt Mossul wurde am 10. Juni von IS-Milizen eingenommen. Wie haben Sie die Militäroffensive erlebt?

Als die Stadt erobert wurde, hatte ich ein Treffen in einer Nachbargemeinde. Als ich dann zurück nach Mossul wollte, wurde ich am letzten Checkpoint nicht mehr hereingelassen. Ein Mitarbeiter sagte mir am Telefon, dass die IS-Truppen die Soldaten der irakischen Armee überrannt hätten. Ich habe dann sofort zwei Nonnen, die für ein katholisches Waisenhaus in Mossul zuständig waren, angerufen und ihnen gesagt, dass sie das Haus mit den Kindern sofort verlassen sollen. Darunter waren auch heranwachsende Mädchen. Gott sei Dank, konnten wir sie gegen halb sechs Uhr morgens aus der Stadt herausbringen, ohne dass der IS etwas davon mitbekommen hat.

Gibt es jetzt noch Christen in Mossul?

Soweit ich weiß, sind noch höchstens zehn Christen in Mossul, ich habe aber leider keinen Kontakt zu ihnen. Sie sind alt oder behindert und konnten ihre Häuser nicht verlassen. Soweit ich weiß, wurden die Frauen gezwungen, Kopftücher zu tragen, aber genaue Informationen habe ich nicht.

Wohin sind die Christen geflohen?

Sie sind zunächst in Orte in der Umgebung geflohen, zum Beispiel in der Ebene von Ninive. Als die IS-Truppen auch diese Orte eroberten, sind viele weiter nach Kurdistan gegangen. Dort leben mittlerweile Zehntausende in Parks oder in Schulen. Sie sind in der Nacht geflohen und außer den Sachen, die sie am Körper hatten, konnten sie nichts mitnehmen. Sie können kein Geld verdienen und haben weder Lebensmittel noch andere Unterstützung bekommen. Es geht ihnen wirklich sehr schlecht.

Die Anhänger des IS, die ja zu den Sunniten gehören, bekämpfen nicht nur die Christen, sondern auch die Schiiten. Ist ein gemeinsames Zusammenleben der Konfessionen und Religionen im Irak noch vorstellbar?

Wenn die politischen Parteien gewillt sind, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, kann sich die Lage verbessern. Aber das ist nur eine Hoffnung. Die Realität ist komplizierter. Am Anfang war der Konflikt im Irak vielleicht politisch, aber er hat mit der Zeit eine religiöse Prägung bekommen und deshalb ist es sehr schwer, diesen Konflikt zu lösen. Vor allem zwischen Sunniten und Schiiten ist viel Blut geflossen. Wir als Christen haben kein Problem damit, mit den anderen friedlich zusammenzuleben. Aber die anderen sind uns nicht friedlich gesonnen. Unsere Rechte müssten gesetzlich gewährleistet sein. Die Ereignisse haben dafür gesorgt, dass die Christen kein Vertrauen mehr haben.

Was sollte der Westen tun?

Die Europäer haben eine verzerrte Wahrnehmung dieses Konflikts. Sie müssen die terroristische Denkweise verstehen und bekämpfen, und zwar militärisch, wirtschaftlich, politisch und kulturell. Im Moment leiden wir im Irak besonders unter dieser terroristischen Welle. Aber die Terroristen sind nicht nur für den Nahen und Mittleren Osten gefährlich, sondern für die ganze Welt. Solange die Fanatiker in dieser Region aktiv sind, wird die ganze Welt keine Ruhe haben. Die Reaktion der westlichen Welt auf das, was jetzt im Irak passiert, ist ein Test auch für zukünftige Herausforderungen durch die Terroristen. Es ist richtig, gegen diese Leute auch mit militärischen Mitteln vorzugehen.