Ukraine-Konflikt

In der Ukraine kehrt keine Ruhe ein

Viele Russen erliegen dem Propagandabild Moskaus und wollen gegen angebliche „Faschisten“ im Nachbarland kämpfen

Russische Panzer stehen vor der ukrainischen Stadt Asow und bedrohen mittelfristig die Hafenstadt Mariupol. Petro Poroschenko, der ukrainische Präsident, spricht von einer russischen Invasion. Litauen fordert Moskau in eindeutigen Worten dazu auf, seine Truppen und Bewaffnung aus der Ukraine abzuziehen und die Unterstützung der bewaffneten Separatisten einzustellen.

Zweifel daran, dass tatsächlich auch reguläre russische Einheiten in der Ukraine eingesetzt sind, sollte es eigentlich nicht mehr geben, seit russische Journalisten von der Beisetzung von Militärangehörigen der in Pskow stationierten 76. Luftlanddivision berichtet hatten, die Mitte August in der Ukraine gefallen waren. Erstmals hat sich der Kreml jetzt dazu geäußert.

Erhärtet wurde die Tatsache einer direkten russischen Einmischung dieser Tage durch russische Soldaten, die in der Ukraine gefangen genommen worden waren. In Kiew berichteten sie, man habe sie zu „einem Manöver“ befohlen. Das russische Verteidigungsministerium behauptete, die Truppe habe sich einfach „verirrt“. Das hat eine pikante Note, denn der russischen Propaganda zufolge wird heute in der Ukraine nach dem Vorbild der Vorväter im Zweiten Weltkrieg der „Faschismus“ bekämpft. Doch die Altvorderen fanden – damals zu Recht - den Weg bis ins Hitler-Berlin. Und ihre Erben verlaufen sich schon an der ukrainischen Grenze?

Dass ist nur eine der Rauchbomben, die in diesem Konflikt permanent gezündet werden. Separatistenchef Andrej Sachartschenko strickt auch jetzt noch an der Legende, die Aufständischen seien „Blutsbrüder“, die freiwillig zur Hilfe in die Ostukraine geeilt seien. Am Donnerstag nannte er im russischen TV-Sender Rossija-24 die Zahl von 3000 bis 4000 aus Russland stammenden Kämpfern. Er räumte auch ein, darunter befänden sich reguläre russische Soldaten, die in ihrer dienstfreien Zeit mal eben an die Front reisten. „Sie ziehen es vor, ihren Urlaub nicht am Strand, sondern Schulter an Schulter mit ihren Brüdern zu verbringen, die um die Freiheit des Donbass kämpfen.“

So mancher Russe erliegt diesem Propagandabild. So auch der 37-jährige Wolodja, den Reporter der Moskauer oppositionellen Zeitung „Nowaja Gaseta“ bei ihren Recherchen in den Flüchtlingslagern auf der russischen Seite der Grenze trafen. Diese Lager werden auch als Rückzugs- und Erholungszentren für die Separatisten aus der Ukraine genutzt, die hier zwischen den Kämpfen etwas Ruhe suchen. Die Separatisten passieren die Grenze unter anderem am Übergang Donezk-Iswarino problemlos in beiden Richtungen, gedeckt durch Flüchtlingskonvois. Die sie zu schützen vorgeben.

Wolodja weist den Journalisten seinen russischen Pass vor. Er stamme aus der Komi-Republik (Sibirien). Dort habe er als Programmierer gearbeitet. Im Krieg sei er vorher nie gewesen, „ich habe einmal in der Armee gedient“. Aber dann habe er die Berichte über die Ukraine gesehen. „Ich konnte es nicht ertragen zuzuschauen, was die Faschisten dort treiben.“ Er habe sich dann als Freiwilliger anwerben lassen.

Die Geisteshaltung der sogenannten „Aufständischen“, die sich selbst gerne als „Befreier“ der Ostukraine sehen, die sie nur noch „Noworossija“ (Neurussland) nennen, ist mehr als schlicht und von geballter russischer TV-Propaganda vernebelt. Die Kämpfer für die „Unabhängigkeit“ der Pseudo-Republiken von Donezk und Lugansk glauben, dass der „Faschismus“ schon die Hälfte der Ukraine erobert hat. In Odessa, so geben sie die im russischen Fernsehen verbreiteten Schauermärchen wieder, würde die ukrainische Armee alles beherrschen und rechtschaffende Leute in Angst und Schrecken versetzen.

Die Separatisten in der Ruheposition hinter der Grenze glauben, mit ihrem Kampf für die Unabhängigkeit „Neurusslands“ die Russische Föderation zu verteidigen. Der „Krieg in der Ukraine“, wie sie es sehen, sei ein Krieg gegen den Westen. Würde Neurussland aufgegeben, wäre als nächstes die Krim verloren. „Und das ist dann schon der Krieg mit Russland“, meinten die jugendlichen Separatisten. Deshalb müsse die „Demokratische Republik Donezk“ siegen, deshalb müssten als nächste ukrainische Städte Odessa und Saporoschje eingenommen werden. Auf die Frage der Reporter, ob sie denn einen dritten Weltkrieg vom Zaun brechen wollten, antworteten sie lakonisch: „Der findet doch schon statt.“

Verlagerung von Industrie

Dabei läuft hinter ihrem Rücken noch ein anderes Spiel. Im Schatten der Kämpfe werden hochspezialisierte Industrieausrüstungen aus der Ukraine nach Russland geschafft. So wurde ein Teil der Produktion des Lugansker Unternehmens „Maschinenbauer-43“ – die Bezeichnung deutet auf einen Rüstungsbetrieb hin – hinter den Ural verlegt. Russland-Experte Professor Henning Schröder kann da nur den Kopf schütteln. „Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass Neurussland sich als Satire auf die Sowjetunion versteht: erst (in Donezk) die Kopie des Marsches der deutschen Kriegsgefangenen durch Moskau 1944, jetzt die Evakuierung der sowjetischen Rüstungsbetriebe hinter den Ural 1941. Zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre.“