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Wenn die Firma ständig anruft

SPD-Chef lehnt ein Anti-Stress-Gesetz ab und wendet sich damit gegen Parteifreunde

Ein freier Tag hat für viele Deutsche nicht 24 Stunden, sondern häufig weniger. Denn nicht alle Stunden sind frei: Zwischendrin wird gearbeitet. 62 Prozent der deutschen Arbeitnehmer müssen sich im Urlaub oder an freien Tagen mit Mails oder Anrufen aus ihren Firmen beschäftigen. Darauf verwendeten sie im Jahr 2013 im Durchschnitt insgesamt 58,7 Minuten pro Urlaubswoche, also fast eine Stunde. Das ergab eine Umfrage des Instituts OnePoll für das Reiseportal lastminute.de.

Allerdings ist es keineswegs immer der Chef, der nervt. 40 Prozent der Störungen gehen aufs Konto der Vorgesetzten, 45 aber auf das der Kollegen, wobei diese oft im Auftrag oder zumindest unter indirektem Druck der Chefs klingeln dürften. Die Opfer beklagen in der Studie, dass sie keinen Abstand zur Arbeit mehr gewinnen können, dass die Erholung eingeschränkt und ihnen Zeit für die Familie gestohlen werde – und zwar bei knapp der Hälfte der Befragten ohne finanziellen Ausgleich.

So kann das nicht weitergehen, findet auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel: Menschen würden „davon krank“, wenn „sie sich unter Dauerdruck“ fühlten, sagte der SPD-Vorsitzende der Berliner Morgenpost. Daher sei es „im Interesse von Unternehmen, dafür zu sorgen, dass Arbeitnehmer nicht dauerhaft dieser Belastung ausgesetzt sind“. Er könne, so Gabriel, „es nur begrüßen, wenn Unternehmen darüber nachdenken, wie sie Mitarbeitern den Stress nehmen können, auch nach Feierabend erreichbar sein zu müssen“. Allerdings will Gabriel kein Anti-Stress-Gesetz und wendet sich damit gegen eigene Parteifreunde, die für eine Intervention des Gesetzgebers plädiert hatten. So forderte NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) in der „Rheinischen Post“ ein „Gesetz, wonach zu bestimmten Zeiten der Arbeitgeber seine Angestellten nicht mehr kontaktieren darf“.

Davon will Gabriel nichts wissen. Auch nicht die Union. „Ich sehe keinen Spielraum für staatliche Intervention“, sagte Carsten Linnemann (CDU). Mit dem Arbeitszeitgesetz habe der Staat „bereits einen geschützten Rahmen definiert“. Es sei „nicht Aufgabe des Staates, den Unternehmen und Arbeitnehmern vorzuschreiben, wann sie Mails schreiben und telefonieren sollen“, sagte der Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU. Zu regeln hätten jene Fragen die Tarifparteien und Betriebsräte mit den Chefs. Bisherige Beispiele zeigen dabei laut Linnemann: „Sie regeln es besser, als es der Staat mit einem allgemeinen Zwang für alle je könnte.“