Krieg

Der Löwe aus Bad Oeynhausen

Kassem Schascho, ein Gärtner aus Nordrhein-Westfalen, ist der Held der Jesiden im Kampf gegen IS

Ein Krieg bringt Helden hervor. In Zeiten der Barbarei sehnen sich die Geschundenen nach einem, der Rettung verspricht. Einem, der sich auszeichnet durch große List und besondere Kraft. Einem, der seinen Feinden die Stirn bietet. Die Jesiden, bedroht von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), werden angeführt von einem Mann, der das Zeug hat zu solchem Heldentum: Kassem Schascho, 62 Jahre alt, vormals Gärtner aus dem nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen. Ein Iraker und Jeside mit deutschem Pass, der in den 90er-Jahren aus seiner Heimat in die Bundesrepublik geflohen war. Seit Anfang August hält er sich im Bergmassiv von Sindschar versteckt und kämpft bei Temperaturen von mehr als 40 Grad gemeinsam mit seinen Getreuen – gegen die Übermacht der IS-Terroristen und für das Überleben der Jesiden. Sein Volk dankt es ihm. Es nennt ihn den „Löwen von Sindschar“.

„Er ist ein wahrer Held“, raunen sich die Geflüchteten zu, die gerade das Martyrium in den kargen Bergen hinter sich gebracht und es in die sicheren Städte wie Zakhoan der türkischen Grenze geschafft haben. Mehr als eine Woche hatten Zehntausende Jesiden auf dem 60 Kilometer langen und 1463Meter hohen Bergrücken Zuflucht vor den Terroristen gesucht. Die Extremisten belagerten sie, hungerten und dürsteten sie aus. Viele Kinder und vor allem die Älteren überlebten die Tortur nicht. „Der Löwe und seineSoldaten haben verhindert, dass die Islamisten den Berg hochgekommen sind“, sagt Said, ein älterer, schmächtiger Mann mit grauem Schnauzbart und einem Turban auf dem Kopf. Es hätte sonst ein Massaker gegeben, sagt er.

„Als Kassem in Deutschland von unserer schrecklichen Situation hörte“, sagt ein anderer Flüchtling, „ist er sofort in den Irak geflogen, um zu helfen. Er ist ein tapferer Mann.“ Die Tapferkeit des Löwen sei legendär, weiß auch Schaschos Sohn zu Hause in Deutschland zu berichten. „Mein Vater übersteht Kriege, er watet durch Blut und er geht durch Feuer“, sagt Khaled Schascho. „Er fürchtet niemanden und kennt keine Angst.“ Seit der Vater eine Waffe tragen könne, kämpfe er für sein Volk. Einmal, vielleicht zweimal im Jahr besuche er die Familie. Anfang Juli war es wieder so weit gewesen. Die Familie erwartete am Flughafen Hamburg die Ankunft des Löwen. Als die Türen des Gates sich öffneten, wurde er im Rollstuhl herausgefahren. Doppelter Beinbruch, ein Autounfall. Die Familie erfuhr erst in jenem Moment davon. Vor dem Flughafen habe er als Erstes nach einer Zigarette verlangt.

Zuvor war Kassem Schascho mit ein paar Getreuen in der Türkei unterwegs. Was er dort machte und wie der Unfall passierte, darüber will der Sohn nicht sprechen. Ein Anschlag? „Aquaplaning“, sagt sein Sohn. Die Getreuen des Löwen, die mit ihm im Auto saßen und glimpflicher davonkamen, berichteten später, dass ihr Anführer schwer verletzt aus dem Wagen gekrochen sei. Dass er im türkischen Krankenhaus die Behandlung verweigert habe. Dass er keinen Schmerz kenne. „Die Ärzte da wollten ein Bein amputieren“, sagt sein Sohn. „Das geht natürlich nicht. Zum Kämpfen braucht man beide Beine.“

Erstmal eine Zigarette

Die Familie, die den Vater am Flughafen im Rollstuhl in Empfang nahm, fand, dass er eigentlich in eine Notaufnahme gehörte. „Aber das wäre blöd gewesen für die ganzen Besucher“, sagt Sohn Khaled, „die hätten ja immer zwei Stunden nach Hamburg fahren müssen, um ihn zu sehen.“ Also luden sie den Schwerverletzten vorsichtig ins Auto. Im BMW-Kombi fuhren sie ihn heim, nach Bad Oeynhausen. Das Zuhause des Löwen liegt in einer verkehrsberuhigten Zone. Klinkerbau, Doppelgarage, Hagebuttenhecke, zwei Balkone mit geschnitzter Holzbalustrade.

Zu Hause angekommen bestand der Löwe darauf, erst noch eine Zigarette zu rauchen, bevor die Familie den Krankenwagen rufen durfte. Drei Wochen später wurde der Vater auf Krücken entlassen. Einen Tag später flog er zurück in den Irak. „Unser Vater opfert sein Leben für sein Volk. Als Außenstehender ist das vielleicht schwer zu verstehen“, sagt der Sohn.

Mit seinem Vater in den irakischen Bergen hält er Kontakt übers Telefon. Die Akkus laden sie dort über die Autobatterien. „Ich bin kein Held“, sagt der Löwe am Telefon, „zumindest so lange nicht, bis mein Volk nicht frei ist.“ Im Moment sei er „stinksauer“, erklärt er. Bisher sei keine internationale Hilfe bei ihm angekommen. Was er brauche? Vor allem Waffen und Geld. Auf die kurdische Armee, die Peschmerga, sei kein Verlass: „Die haben zwar als Erste geschossen, sind aber auch als Erste geflohen“, sagt er. Vielmehr seien es Milizionäre der Kurdischen Arbeiterpartei(PKK) und die Volksverteidigungskräfte (YPG) aus Syrien gewesen, die Hilfe bei der Evakuierung seines Volkes geleistet hätten.

Das bestätigen die geflüchteten Jesiden im Irak. „Sie haben einen Fluchtkorridor frei gemacht, uns zuerst nach Syrien und danach wieder in den Irak gebracht“, sagt später Said, der Flüchtling mit dem grauen Schnauzbart.Insgesamt sei man fünf Stunden unterwegs gewesen. „Von den irakischen Peschmerga haben wir nichts gesehen“, fügt ein weiterer Flüchtling namens Swan an und die anderen Entkommenen nicken bestätigend.

An der türkischen Grenze sind Said und die anderen Flüchtlinge vorerst in Sicherheit, doch die grausamen Erfahrungen können sie nicht abschütteln. „Sie sind von Haus zu Haus gegangen und haben alle getötet, die ihnen in die Hände fielen“, sagt ein Lehrer. „Und sie haben unsere Frauen entführt.“ „Hunderte haben sie verschleppt“, ruft Said dazwischen. „Das sind alles Barbaren.“