Ukraine-Konflikt

Fahrt ins Ungewisse

Außenminister beraten in Berlin über die Lage in der Ukraine. Kiew misstraut Russland

In mattem Weiß glänzen rund 300 frisch lackierte russische Lastwagen in der Augustsonne nahe dem ukrainischen Grenzübergang Donezk-Iswarino. „Kein Schritt vorwärts, kein Schritt zurück“, kommentiert das Moskauer Staatsfernsehen den Nervenkrieg um den Konvoi. Vor einer Woche ist die drei Kilometer lange Kolonne in Moskau aufgebrochen – mit Lebensmitteln, Schlafsäcken und Generatoren. Nun stecken die Fahrzeuge ohne Kennzeichen seit Tagen fest – kurz vor Lugansk. In der Kampfzone warten Zehntausende auf Versorgung. Doch über die rund 2000 Tonnen aus Russland ist ein lähmender Streit entbrannt. Eine rein „humanitäre Hilfsaktion“ nennt Moskau die Ladung, aber die Führung in Kiew sieht darin bloß „grenzenlosen Zynismus“. Kremlchef Wladimir Putin spiele mit dem Konvoi den „Wohltäter“, schicke aber daneben todbringendes Kriegsgerät für moskautreue Separatisten ins Konfliktgebiet, behauptet die ukrainische Regierung.

Unklare Grenzscharmützel

International ist die Hysterie groß, als die Ukraine am Wochenende mitteilt, russische Armeefahrzeuge auf ihrem Gebiet vernichtet zu haben. Börsenkurse brechen ein, rote Telefone klingeln, Eilmeldungen laufen über die Ticker. Aber einen Beweis für seine vermeintliche Attacke liefert Kiew nicht, Moskau widerspricht den Vorwürfen mit Nachdruck und auch der in seiner üblichen Art vorpreschende Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen bleibt den Beweis für ein offizielles „Eindringen“ russischer Regierungstruppen auf ukrainisches Staastgebiet schuldig.

Einen Lichtblick gibt es immerhin, als die Ukraine die scharf beobachtete Lastwagenladung offiziell als humanitäre Hilfe anerkennt. Es seien keine Waffen an Bord, sondern unter anderem Grütze, Fleisch und Babynahrung, bestätigt Sozialministerin Ljudmila Denissowa. Doch ohne Sicherheitsgarantien will das Rote Kreuz seine Mitarbeiter nicht mit der Lieferung durch das Kriegsgebiet schicken. Ohne Waffenruhe würden die Hilfsgüter aber ihr Ziel nie erreichen, meinen Beobachter.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich zuletzt immer wieder für eine beiderseitige Feuerpause ausgesprochen. Und sie hatte Putin in Telefonaten aufgefordert, entsprechend auf die Aufständischen einzuwirken. Mit keinem ausländischen Regierungschef hat Putin seit Beginn der Ukraine-Krise mehr gesprochen als mit Merkel. „Er schätzt sie als Realpolitikerin“, meint Dmitri Trenin vom Carnegie Center in Moskau. Immer wieder betont der Kreml, dass Russland in diesem wohl schwersten Ost-West-Konflikt seit dem Ende des Kalten Krieges „zum Dialog bereit“ sei. Außenminister Sergej Lawrow überlegt daher nicht lang, als sein deutscher Kollege Frank-Walter Steinmeier zum Krisentreffen am Sonntag in Berlin ruft. Genau einen Monat nach dem Absturz des malaysischen Flugzeugs MH17 über der Ostukraine soll ein Gespräch mit Steinmeier, Lawrow sowie dem ukrainischen Außenminister Pawel Klimkin und dem französischen Ressortchef Laurent Fabius die Lage entspannen. Steinmeier sagte am Sonntagabend zum Auftakt des Treffens, es bestehe die Gefahr, „dass wir immer weiter hineinschlittern in eine Konfrontation unmittelbar zwischen russischen und ukrainischen Streitkräften“. Das müsse vermieden werden. Die Minister sprachen direkt und ohne Berater miteinander. Solch kleine Formate werden gewählt, wenn ein möglichst offener Austausch angestrebt wird. Auf ein Gespräch im Kaminsaal der Villa Borsig folgte ein Abendessen, das am späten Sonntagabend noch andauerte.

Klimkin hatte vor dem Treffen die EU und die Nato mit Nachdruck um militärische Hilfe gebeten. „Wenn solche Hilfe kommt, dann wäre es für unsere Truppen leichter, vor Ort zu agieren“, sagt er. Die Gefahr einer russischen Invasion sei allgegenwärtig, ständig würden Kämpfer und Kriegsgerät aus dem Nachbarland einsickern.

Unterdessen haben die prorussischen Separatisten nahe Lugansk erneut ein Kampfflugzeug vom Typ Mig-29 abgeschossen. Der Pilot konnte sich per Schleudersitz retten, wie ein Militärsprecher sagte. Die Aufständischen berichteten zudem vom Abschuss eines Jagdbombers vom Typ Suchoi Su-25, dessen Pilot sich ebenfalls gerettet haben soll. Auch am Boden tobten am Sonntag weiter heftige Gefechte zwischen der ukrainischen Armee und den Aufständischen. Dabei gab es nach unbestätigten Berichten der Bürgerkriegsparteien Dutzende von Toten.

Einem ukrainischen Militärsprecher zufolge sollen allein in der Nacht zum Sonntag von russischem Territorium aus drei Raketenwerfer vom Typ Grad in das Kampfgebiet geschafft worden sein. Die Separatisten bestätigen auch selbst, Militärunterstützung aus Russland erhalten zu haben. 30 Panzer sowie 1200 auf russischem Gebiet ausgebildete Kämpfer seien zur Verstärkung gekommen, verkündete ihr Anführer Andrej Sachartschenko in einem Video. Doch Moskau bestritt auch hier eine direkte Beteiligung am Konflikt.

Mit Rockmusik in den Kampf

Der Abschuss der Kampfjets ist kein Einzelfall. Aufständische haben in den vergangenen Monaten mehrmals Flugzeuge zerstört. Die Regierung wirft den Separatisten auch vor, vor einem Monat die malaysische Boeing 777-200 mit einer Rakete abgeschossen zu haben. Dabei waren alle 298 Insassen umgekommen.

In einem vermutlich von Separatisten im Internet veröffentlichen Video ist zu sehen, wie Uniformierte sich mit Rockmusik auf den Kampf vorbereiten. Schwer bewaffnet sitzen drei Männer mit geschlossenen Augen in einem Auto, dann ruft einer zur Attacke. Draußen sind Panzer und weitere Kämpfer zu sehen. „Das hier ist Krieg, das hier ist Krieg“, sagt der Mann mit der Kamera, dann bricht der Clip ab.