Religion

Vom Spielball zum Bündnispartner

Der Westen wirbt um die Kurden, weil er sich Verlässlichkeit von ihnen verspricht

Die Kurden sind begehrt. Sie werden umworben wie nie – als Bündnispartner gegen die Fanatiker des Islamischen Staates (IS) und als ebenso berechenbare wie verlässliche Kraft im innerirakischen Machtgerangel. Das war nicht immer so. Und eine vorsichtige Skepsis auf kurdischer Seite gegenüber dieser plötzlichen Beliebtheit scheint angesichts ihrer leidvollen und an Enttäuschungen reichen Geschichte durchaus angemessen.

Die rund 30 Millionen Kurden, das größte Volk der Erde ohne eigenen Staat, können sich aktuell begründete Hoffnungen machen, eine verbriefte Autonomie innerhalb einer irakischen Föderation oder tatsächlich sogar einen eigenen Staat zu erlangen. Politische und gesellschaftliche Strukturen sowie die wirtschaftliche Kraft dafür – vor allem durch die Ölvorkommen in ihren Herrschaftsgebieten – haben sich die Kurden vor allem im Nordirak über die vergangenen drei Jahrzehnte geschaffen, also bereits unter der Terrorherrschaft des irakischen Diktators Saddam Hussein.

Saddams Giftgasangriff auf das kurdische Dorf Halabdscha im Jahr 1988, bei dem bis zu 5000 Männer, Frauen und Kinder qualvoll starben, markiert auf tragische Weise den Höhepunkt der irakischen Terrorpolitik des sunnitischen Tyrannen gegenüber dem kurdischen Teil seines Volkes. Dieses traumatische Ereignis ist zugleich Weckruf für die Kurden gewesen, sich zu bewaffnen und wehrhaft zu machen.

Schon mehrfach standen die Kurden an der Schwelle zur Staatlichkeit. Doch es ist nie etwas darauf geworden.

Heute lebt etwa die Hälfte aller Kurden in der Türkei, die übrigen verteilen sich auf den Irak, den Iran, Syrien, Armenien und Aserbaidschan oder sie entflohen in die Diaspora nach Europa und in die USA. In keinem ihrer „Gastländer“ herrscht übermäßiges Interesse der jeweiligen Mehrheitsbevölkerungen an einer kurdischen Eigenständigkeit, besonders nicht in der Türkei.

Doch gerade in Ankara kursieren inzwischen Überlegungen, dass ein Kurdenstaat auch eine Pufferzone zu den Krisenregionen in Syrien und dem Irak bilden könnte. Sollten die Autonomiebestrebungen der nordirakischen Kurden Erfolg haben, käme es in den angrenzenden Ländern womöglich zu einem Exodus der kurdischen Einwohner in „ihren“ Staat, der schon jetzt über eine eigene Staatsflagge, eine gut organisierte Armee und Polizei, eine vielschichtige Medienlandschaft sowie ein Regionalparlament verfügt. Die „kurdische Republik“ ist aus der Realpolitik nicht mehr wegzudenken, das ist gerade in diesen Tagen deutlich geworden. Die USA, Europa, Russland – sie alle sind froh, mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern eine „Stellvertreterarmee“ im Feld zu wissen und nicht eigene Soldaten schicken zu müssen.