Kommentar

Wohlstand in der Krise

Tobias Kaiser über die sich schlecht entwickelnde Wirtschaft

Jeder Aufschwung hat ein Ende. Ist es in Deutschland jetzt soweit? Im Frühjahr schrumpfte die Wirtschaft stärker als ohnehin befürchtet. Das Minus ist kein Grund zur Panik, selbst wenn Ökonomen schon eine leichte Rezession wittern. Denn verantwortlich für die Schwäche im Frühling war der äußerst milde Winter: Weil Schnee und Eis ausblieben, wurde auf vielen Baustellen auch in den dunklen Monaten weitergearbeitet, sodass viele Arbeiten, die sonst erst im Frühjahr anfallen, vorgezogen wurden.

Sorgen machen sollte der Rückgang der Wirtschaftsleistung trotzdem. Die Krisen in Osteuropa und dem Nahen Osten haben in den Zahlen vom Frühjahr Spuren hinterlassen und gefährden die wirtschaftliche Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte. Bereits im Frühjahr haben die geopolitischen Spannungen dafür gesorgt, dass die verunsicherten Unternehmen hierzulande dringend notwendige Investitionen auf die lange Bank schieben. Selbst die eifrig konsumierenden Verbraucher konnten die Krisenangst nicht ausgleichen. Die Krisenherde in Osteuropa und dem Nahen Osten werden uns auch in diesen Wochen und Monaten erhebliches Wachstum und damit Wohlstand kosten. Am härtesten trifft uns dabei die russisch-ukrainische Krise. Die Sanktionen gegen Russland werden einige Unternehmen deutlich spüren, sie sind aber nicht einmal die größte Belastung. Entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung sind die psychologischen Folgen der gegenwärtigen geopolitischen Lage.

Die Möglichkeit, dass die Ukraine-Krise weiter eskaliert, lähmt die Führungskräfte, und die Krisen in Osteuropa und dem Nahen Osten erlauben es vor allem exportierenden Unternehmen kaum, verlässlich zu planen. Das wiederum sorgt dafür, dass die Firmen weniger investieren. Auch harte Daten aus der Wirtschaft signalisieren, dass die kommenden Wochen schwierig werden. So sammelten die Firmen bisher zu wenige neue Bestellungen ein, um alle Bänder am Laufen zu halten. Für sich genommen würde Putins Säbelrasseln die wirtschaftliche Entwicklung hierzulande kaum beeinflussen. Aber die anhaltende Krise in der Euro-Zone und die enttäuschende Entwicklung in den großen Schwellenländern lasten ohnehin schon auf den Erwartungen der Firmen. Die Ukraine-Krise kann jetzt der entscheidende zusätzliche Faktor sein, der die Unternehmen und ihre Kunden zweifeln lässt. Die deutsche Wirtschaft droht demnächst zu stagnieren. Putins Politik hat daran großen Anteil.