Bauprojekt

20 Jahre Vorlauf

In Stuttgart wird jetzt die Baugrube für den umstrittenen Bahnhof Stuttgart 21 ausgehoben

Einst hörte man die Gegner des umkämpften Bahnprojekts Stuttgart 21 sagen: Wenn die Baugrube im Schlossgarten ausgehoben wird, ist alles vorbei. Demnach hätten die Proteste gegen den milliardenschweren Tiefbahnhof im Stuttgarter Zentrum am gestrigen Dienstag verstummen müssen. Doch auch der Baustart am Dienstag wurde von den Protesten von rund 500 Projektgegnern begleitet. Sie machten auf Schwachstellen des 6,5-Milliarden-Euro-Vorhabens aufmerksam: von der Gefahr für Mineralwasservorkommen über Probleme mit dem Brandschutz im Tunnelbahnhof bis hin zu ungeklärten Finanzierungsfragen. Sie wollen statt des Neubaus eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs eine Modernisierung des bestehenden Kopfbahnhofs.

Sage und schreibe 20 Jahre nach der Idee wird jetzt tatsächlich die ungeliebte Baugrube ausgehoben. Mitten im Schlossgarten, der grünen Lunge der Stadt. Dort, wo einmal Tausende um ihren alten Bahnhof kämpften und um uralte Bäume. Die sind längst gerodet.

Lukratives Immobilienprojekt

1994, als Helmut Kohl noch Kanzler war, wurde bei der Bahn die Idee eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs in Stuttgart geboren. Auch München oder Frankfurt wurde so etwas empfohlen, über die Jahrzehnte blieb aber nur Stuttgart 21 übrig. Freiwerdende Gleisflächen sind hier im Talkessel besonders viel wert. Für viele ist das Ganze ohnehin immer kein Bahnhofs-, sondern ein Immobilienprojekt. Erste Kostenschätzungen kamen auf rund 2,5 Milliarden Euro inklusive Anbindung des Tiefbahnhofs an eine Neubaustrecke bis Ulm. Jetzt geht man von 6,5 Milliarden Euro aus. Kritiker unken: Unter zehn komme man nicht hin. Der Tiefbahnhof soll den Kopfbahnhof laut Bahn von Ende 2021 an ersetzen. Auch das glauben die Kritiker nicht.

„Das dümpelt doch alles vor sich hin“, kritisiert Matthias von Herrmann, einer der bekanntesten Projektgegner. „Aktives Bauen sieht anders aus.“ Auch er will weiter Flagge zeigen. Baugrube hin, Baugrube her – am Protest werde sich nichts ändern. So wie sie es beharrlich Woche für Woche tun mit Flaggen, Transparenten und Trillerpfeifen bei ihren Montagsdemos. Mehrere Hundert Teilnehmer sind noch immer dabei. 2010 gingen Zehntausende auf die Straße.

Ohne den Protest zu überhöhen, kann man sicher sagen, dass der Kampf um Stuttgart 21 seinen Teil dazu beigetragen hat, dass sich viel verändert hat im Ländle. Im Kern ging es nicht nur um einen Bahnhof, sondern ein Stück um den Stil der damals seit Jahrzehnten regierenden CDU. Gipfelnd im „Schwarzen Donnerstag“ 2010 und der Räumung des Schlossgartens – verbunden mit dem Namen von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU). Inzwischen müssen die Grünen, einst gewichtigster Projektgegner, das lange Bekämpfte geschehen lassen. Sie stellen mit Winfried Kretschmann nicht nur den Ministerpräsidenten, sondern mit Fritz Kuhn auch den Oberbürgermeister.

Die Bahn hat Baurecht, daran änderten auch die bislang wohl einzigartigen Schlichtungsbemühungen unter der Leitung des früheren CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler nichts. Jedoch wurden der Bahn Nachbesserungen ins Stammbuch geschrieben. Im Kern gebrochen wurde der Widerstand dann aber am 27. November 2011 mit der Volksabstimmung in Baden-Württemberg: 58,8 Prozent stimmten damals gegen einen Ausstieg des Landes aus der Finanzierung des Bahnprojekts – und damit für Stuttgart 21.

Die vorbereitenden Bauarbeiten waren da ohnehin schon längst im Gange: Symbolträchtig war am 2. Februar 2010 der Prellbock Nummer 049 versetzt worden, damals von Bahnchef Rüdiger Grube höchstpersönlich und entsprechend großem Bahnhof. Den gab es am Dienstag nicht, dennoch war es für Architekt Christoph Ingenhoven ein besonderer Tag: Es sei der eigentliche Beginn der Bauarbeiten an seinem „Baby“.

Riesenbaustelle in der Stadt

Derweil ziehen sich längst kilometerlange Rohre kreuz und quer durch die Stadt, über die Grundwasser umgeleitet wird. Die Züge halten nicht mehr im Bahnhof, sondern davor. Die Glasdächer des Bahnhofs werden abgetragen. Bahnfahrer betreten Stuttgart auf einer riesigen Baustelle. Auch Baustraßen sind angelegt und Verladeflächen vorbereitet. Und die Tunnel, die zum Bahnhof führen sollen, werden gebohrt. Unumkehrbar ist das Ganze also schon länger. Die meisten Stuttgarter haben sich damit abgefunden, dass sie noch Jahre mit der Bahnhofsbaustelle leben – und dann werden ja noch die alten Gleisflächen bebaut.