Militär

Moskau provoziert die Welt

Russisches Manöver erhöht die Spannungen im Ukraine-Konflikt. Kiew ist komplett von der Versorgung mit Warmwasser abgeschnitten

Die russischen Luftstreitkräfte haben inmitten wachsender Spannungen mit dem Westen ein nach eigenen Angaben bisher beispielloses Großmanöver mit mehr als 100 Kampfflugzeugen begonnen. An den bis 8. August dauernden Übungen des westlichen und zentralen Wehrbezirks seien Kampfjets sowie Hubschrauber verschiedener Klassen beteiligt, sagte Luftwaffensprecher Igor Klimow der Agentur Interfax zufolge. Erstmals finde ein solches Manöver über drei Wehrbezirke statt. Auch in Nato-Staaten hatte es zuletzt im Zuge der Ukraine-Krise Militärmanöver gegeben.

Die russischen Bomber, Kampfjets und Abfangjäger sollen laut Verteidigungsministerium in Moskau die Verteidigungsstrategie im Falle eines „massiven Raketenangriffs“ simulieren. Die Piloten probten den Beschuss von Zielen zu Lande und in der Luft mit Raketen. In der Region Astrachan nahe der kasachischen Grenze werde es echte und simulierte Starts von Flugabwehrraketen geben, um die Abstimmung zwischen Luftwaffe und Flugabwehr zu verbessern. Moskau ließ zudem auch auf Höhe des Polarkreises Luftbetankungsmanöver üben.

Ukraine fühlt sich bedroht

Die ukrainischen Behörden verlangten umgehend eine Erklärung zu der Mobilmachung in dem umkämpften Grenzgebiet. Der Geschäftsträger der ukrainischen Botschaft in Berlin, Wasyl Chymynez, bezeichnete das Manöver als Bedrohung für die Ukraine. Es könne eine neue Eskalationsstufe im Konflikt mit dem Nachbarland bedeuten. Die Bundesregierung forderte von Russland erneut „ganz klare Schritte zur Deeskalation“ im Ukraine-Konflikt. „Wir beobachten das, was an der russisch-ukrainischen Grenze passiert, sehr genau“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Zum Großmanöver wollte sie nicht Stellung nehmen.

In den ostukrainischen Gebieten Lugansk und Donezk dauerten unterdessen die Gefechte zwischen Regierungskräften und prorussischen Separatisten unvermindert an. In Lugansk seien durch Artilleriebeschuss die Wasser- und Stromversorgung sowie das Telefonnetz zusammengebrochen, teilte die Verwaltung der Großstadt mit. Große Versorgungsprobleme gab es auch in der 150 Kilometer südwestlich gelegenen Großstadt Donezk. Regierungstruppen legten in der Kampfzone unterdessen Fluchtkorridore für Zivilisten an. Das Feuer werde dort täglich für mehrere Stunden eingestellt, sagte ein Militärsprecher. Der Sicherheitsrat in Kiew rief die Zivilisten in der Ostukraine mit Nachdruck auf, die von den Separatisten besetzten Gebiete schnell zu verlassen. Beobachter sahen darin die mögliche Vorbereitung einer Bombardierung.

Die ukrainischen Streitkräfte bemühen sich seit Wochen darum, die prorussischen Rebellenhochburgen Donezk und Lugansk im Osten des Landes von der russisch-ukrainischen Grenze abzuschneiden. Kiew begründet dies damit, dass Russland die Aufständischen mit Waffen und Kämpfern unterstütze, was Moskau dementiert.

Wegen zunehmender Gefechte verließen mehrere OSZE-Beobachter den russischen Kontrollposten Gukowo an der Grenze zur Ukraine. Die Lage sei für die Mitarbeiter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zu gefährlich geworden, sagte Wassili Malajew vom russischen Grenzschutz. Er warf der ukrainischen Armee vor, erneut das russische Grenzgebiet beschossen zu haben. Dabei sei mindestens ein Wohnhaus schwer beschädigt worden. Russland kritisiert seit Wochen scharf den Beschuss von der Ukraine aus. Den Aufständischen zufolge starben seit Beginn der „Antiterror-Operation“ der Armee Mitte April etwa 1500 Zivilisten. In den Gebieten Lugansk und Donezk seien 60 Prozent der Infrastruktur zerstört, sagte Separatistenführer Andrej Rodkin.

Soldaten strecken die Waffen

Unterdessen flohen nach russischen Angaben 438 ukrainische Soldaten nach Russland und streckten die Waffen. Die im Osten der Ukraine stationierten Soldaten seien in der Nacht zum Montag durch einen „humanitären Korridor“ über die Grenze ins Nachbarland gekommen und hätten sich dort russischen Grenzschützern ergeben, berichteten russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf einen Regionalvertreter des Inlandsgeheimdienstes FSB. Ein ukrainischer Armeesprecher sagte dazu, mehrere Soldaten hätten sich nach einem Durchbruchsversuch in Richtung eines russischen Grenzübergangs zurückgezogen. Allerdings hätten sich die Einheiten „nicht ergeben“.

Von der ostukrainischen Stadt Charkow flog am Montag ein weiteres Flugzeug mit Leichenteilen aus der malaysischen Unglücksmaschine MH17 in Richtung Niederlande. Die Überreste waren in den vergangenen Tagen von internationalen Helfern am Absturzort bei Grabowo geborgen worden. Dort suchten erneut etwa 100 Rettungskräfte auch nach persönlichen Gegenständen der 298 Opfer. Die Einsatzkräfte gehen von mehrwöchigen Arbeiten aus. Bisher sei erst eine von fünf Zonen im Gebiet abgesucht worden.

Die Auswirkungen des Konfliktes belasten auch die ukrainische Hauptstadt. Kiew ist seit Montag von der Warmwasserversorgung abgeschnitten. Alle Wärmekraftwerke würden ab dem 4. August nicht mehr mit Gas versorgt, teilte das private Unternehmen Kievenergo mit, dem der ukrainische Milliardär Rinat Achmetow vorsteht.