Entwicklung

Was macht der Krieg mit den Kindern?

Zehntausende Minderjährige in Nahost müssen derzeit einen Alltag im Krieg durchstehen

Wenn die Einschläge immer näher kommen, ruft Arwa ihre zwei kleinen Söhne zu sich ins Schlafzimmer. Die Kinder dürfen dann auf dem Bett toben, Kissenschlachten machen oder auf ihrem Rücken reiten. Ist ihr Mann zu Hause, kommt auch er dazu. Die ganze Familie zusammen in einem Raum. „Keiner bleibt zurück, wenn das Haus getroffen wird“, sagt Arwa leise – alle überleben oder keiner, das ist die einzige Garantie, die die Mutter ihrer kleinen Familie im Extremfall noch geben kann.

Die UN-Mitarbeiterin sitzt auf der Terrasse vor ihrem Mehrfamilienhaus in Gaza-Stadt. Erstaunlich rosig sieht sie aus, obwohl sie nicht viel geschlafen hat in den vergangenen Tagen. Hinter ihr liegt eine weitere Nacht, in der ihre Heimat Gaza bombardiert wurde.

Geborgenheit im Sirenengeheul

Vor drei Wochen hatte Israel seine Militäroffensive gegen den Gazastreifen gestartet, um dem Raketenbeschuss durch die Hamas ein Ende zu setzen und die Tunnel zu zerstören, mit deren Hilfe die radikalislamische Terrororganisation Anschläge gegen das Nachbarland begeht. Wie immer in solchen militärischen Auseinandersetzungen ist das Leiden der zivilen Bevölkerung immens. Mehr als 1460 Tote, darunter mehr als 200 Kinder hat der Krieg nach palästinensischen Angaben bislang gekostet, 61 israelische Soldaten und zwei Zivilisten wurden bisher getötet.

Was aber bedeutet es genau, Kinder auf beiden Seiten, in Israel und im Gazastreifen, inmitten eines solchen Kriegs großzuziehen? Wie erklären Eltern ihren Schützlingen Sirenengeheul, Bombenhagel und Sterben, vielleicht nebenan? Und wie können sie ihnen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verleihen, wenn sie doch selbst ständig fürchten müssen, an diesem Anspruch zu scheitern?

Arwas Kinder sind zweieinhalb und fünfeinhalb. Der Ältere, Ibrahim, war zwei Monate alt, als er seinen ersten Krieg erlebte. „Jede Mutter weiß, dass schon der Alltag mit einem Neugeborenen Furcht einflößend sein kann “, sagt Arwa. Doch der jungen Mutter blieb keine Zeit, sich in Ruhe auf all die Veränderungen einzustellen, die ein neues kleines Leben mit sich bringt. Gerade ein paar Tage war ihr Erstgeborener auf der Welt, als es Bomben über Gaza regnete. 38 Luftangriffe in fünf Minuten – und Arwa konnte nicht mehr stillen. „Es war unmöglich. Ich bin dauernd zusammengezuckt“, sagt sie.

Auch Jahre später noch zuckt die Frau intuitiv zusammen, wenn sie sich daran erinnert. Ihr Ziel ist es dennoch, ihren Kindern eine möglichst heile Welt zu vermitteln. „Ich versuche, ihnen nicht das Gefühl zu geben, dass es ernst ist. Wenn es irgendwo einschlägt, grinse ich ihnen zu und sage ‚Huch, na, das war aber ein lauter Knall‘.“

Doch je älter die zwei werden, desto schwieriger wird das. Ihr älterer Sohn verstehe jetzt zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen dem lauten Knall der Bomben und dem Tod und der Zerstörung, die diese nach sich ziehen. „Seit diesem Krieg weiß er, dass der schreckliche Lärm Konsequenzen haben kann.“ Ibrahim habe Albträume, erzählt sie. Er sehe sich selbst als Leiche und stelle sich vor, wie etwas Unerklärliches seinen Körper zerstört und nur nackte Knochen übrig lässt – und das „obwohl ich den Fernseher nie anmache und versuche, ihn vor den Bildern zu bewahren“, sagt Arwa.

Es ist kaum zu ermessen, was der Horror des Krieges mit den Seelen der Kinder macht. Gaza ist arm, dort sind sie den Angriffen oft schutzlos ausgeliefert. 43 Prozent der Einwohner sind jünger als 14 Jahre, und dem CIA World Factbook zufolge zeigt fast jedes dieser Kinder Anzeichen von Traumata. Dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zufolge brauchen 200.000 Kinder im Gazastreifen unmittelbare therapeutische Hilfe.

Israel dagegen besitzt zwar Mittel und Infrastruktur, um die Menschen besser zu schützen. Doch auch hier gehören Bombenalarm, fluchtartiges Aufsuchen der Schutzbunker und Angst in den Gesichtern zum Alltag, was Spuren in den Heranwachsenden hinterlässt.

Auf beiden Seiten des Konflikts werden Eltern versuchen, ihren Kindern auch mitten in Chaos und Zerstörung so viel Normalität wie möglich zu gewähren. Doch all das, weiß Arwa, hat seine Grenzen. Zu Beginn des Krieges gab es diese eine Nacht in Schedschaia. Keine Nacht hat bisher so viele Opfer gekostet, kein anderes Viertel so erbitterte Kämpfe gesehen.

Keine Ende des Kriegs in Sicht

Arwa war allein zu Hause. Ihr Mann, Arzt auf der Intensivstation des größten Krankenhauses von Gaza, war in die Klinik gerufen worden, jede Hand wurde benötigt. „Ich sah, wie entwürdigend die Leichen in der Straße lagen. Tot, in Stücke gehackt, der Krankenwagen konnte sie nicht erreichen, nur die Fliegen“, sagt Arwa und die Tränen glitzern in ihren Augen. „Der Gedanke, dass das mir, meiner Familie genauso passieren könnte, war einfach zu viel.“ Sie weinte und weinte und ihr kleiner Sohn, Karim, weinte mit ihr mit. Der Große jedoch umarmte sie und sagte: „Was ist passiert? Hat irgendjemand etwas von dir genommen?“ Er sei so erwachsen gewesen in diesem Moment. Am Ende halfen eine kalte Dusche und die ängstlichen Augen ihrer Söhne. „Ich darf sie nicht die Angst spüren lassen. Ich muss stark sein“, sagt sie.

Neulich fragte ihr großer Sohn sie, wann sie wieder zum Meer gehen und im Sand spielen werden? Wenn der Krieg vorbei ist, machte Arwa ihm Hoffnung. „Aber ich sehe keine Ende“, entgegnete Karim, ihr kleiner Sohn.