Gedenken

„Sieg über die Ohnmacht“

Bundespräsident Gauck eröffnet die Ausstellung zum Aufstand im Warschauer Ghetto

Unbedingter Wille zur Freiheit: Das verbindet Joachim Gauck zufolge die erfolgreiche Revolution in Polen 1989 mit dem äußerst blutig niedergeschlagenen Warschauer Aufstand von August und September 1944. Bei der Eröffnung einer Berliner Open-Air-Ausstellung über die Erhebung in der polnischen Hauptstadt stellte der Bundespräsident in Anwesenheit des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski diese zunächst etwas überraschende Verbindung her.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Ereignisse kaum etwas gemein zu haben. Der Warschauer Aufstand richtete sich gegen die Besatzer, die seit fast fünf Jahren ein Terrorregime errichtet hatten. An ihm nahmen 45.000 aktive Kämpfer teil, die fast ausnahmslos fielen oder in Gefangenschaft gerieten. Insgesamt fanden mindestens 170.000 Menschen den Tod. Die Revolution dagegen stürzte ein polnisches Regime. Es gab keine Toten.

Trotzdem betonte Gauck die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Erhebungen: „Ich habe selbst beobachten können, dass der Warschauer Aufstand einen wichtigen Bezugspunkt für oppositionelle Polen bildete. In kommunistischen Zeiten zogen Hunderttausende am 1. August auf den Warschauer Powązki-Friedhof, wo die Gefallenen des Aufstandes begraben liegen: Väter, Großväter, Ehemänner und Ehefrauen – Vorbilder für die nachfolgenden Generationen.“ Später, bei einem Besuch des neu eröffneten Museums für den Warschauer Aufstand, habe er begriffen, „dass für viele Polen der Sieg über die Ohnmacht mehr zählte als die militärische Niederlage“. Für Gauck eine wichtige Erfahrung: „Eine der herausragenden Gaben Polens für seine Nachbarn in Europa ist die Botschaft mehrerer Generationen: Freiheit ist so kostbar, dass Menschen sie erkämpfen und verteidigen, und dies sogar notfalls mit dem Einsatz des eigenen Lebens.“

Der Bundespräsident lobte die Berliner Ausstellung auf 69 großformatigen Schautafeln, die vom Warschauer Museum eigens für die deutsche Hauptstadt zusammengestellt worden ist. Besonders hob er die polnische Perspektive hervor, die tatsächlich die Schau prägt. So ist Polens Leiden „in Stalins Würgegriff“ ähnlich viel Platz gewidmet wie der Schilderung der deutschen Terrorherrschaft 1939 bis 1944. Am 31. Juli 1944 tauchten die ersten sowjetischen Panzer vor den östlich der Weichsel gelegenen Stadtteilen von Warschau auf. Das war das Signal für den Befehlshaber der Polnischen Heimatarmee, Tadeusz Komorowski, der mit dem heutigen polnischen Präsidenten entfernt verwandt war. Am nächsten Tag, dem 1. August 1944, genau um 17 Uhr, sollte der Aufstand beginnen und der Hauptstadt aus eigener Kraft die Befreiung von der verhassten Gewaltherrschaft der Deutschen bringen.

Zu diesem Zeitpunkt lebten noch etwa 900.000 der einst 1,3 Millionen Einwohner in Warschau. Doch der Aufstand erwies sich als Katastrophe: Stalins Panzer blieben an der Weichsel stehen, und SS-Chef Heinrich Himmler schickte mit Billigung Hitlers Truppen nach Warschau, um den Aufstand ohne Rücksicht auf Verluste niederzuwerfen.

Nach 63 Tagen war alles vorüber, 150.000 Zivilisten und 18.000 Aufständische waren getötet worden. Mehr als eine halbe Million Menschen wurde umgesiedelt, zur Zwangsarbeit nach Deutschland verfrachtet oder in KZs gesperrt. In den Ruinen von Warschau versteckten sich kaum mehr als 1000 Menschen. Gauck würdigte die Fähigkeit der Polen zu vergeben, „als Deutsche Reue zeigten“. Abgesehen von einem Teil der Tschechoslowakei sei kein anderes Land länger von der Wehrmacht besetzt gewesen als Polen, kein anderes Land sei so systematisch entvölkert worden.

„Kraft der polnischen Tradition“

Das NS-Regime errichtete die Vernichtungslager, in denen Millionen europäischer Juden ermordet wurden, auf besetztem polnischen Boden, erinnerte Gauck. Angesichts der Ereignisse der Vergangenheit „grenzt es für mich an ein Wunder, dass Polen und Deutsche heute nicht nur Nachbarn sind, die sich vertragen, sondern Freunde, die sich mögen“.

In seiner kurzen Ansprache schlug Gauck ausdrücklich den Bogen vom Warschauer Aufstand zur friedlichen Revolution in der DDR. Da die Gewerkschaft Solidarność „inspiriert“ war vom Warschauer Aufstand, „spürten auch wir Ostdeutschen etwas von der Kraft der polnischen Tradition“. Das Beispiel gab dem Bundespräsidenten zufolge den Menschen in Ostdeutschland „Mut, als wir noch mutlos waren, sie gab uns Hoffnung, als wir noch hoffnungslos waren“.

Die Ausstellung auf dem Areal der Dokumentation Topographie des Terrors läuft bis Ende Oktober.