Kommentar

Der längste Gaza-Krieg

Daniel-Dylan Böhmer zur Frage, wie lange ein Krieg dauern darf

Wie lang darf ein Krieg dauern? An diesem Mittwoch währt die israelische Operation „Schutzlinie“ 22 Tage, ebenso lang wie die Operation „Wolkensäule“ 2008, der bisher längste Kampfeinsatz in Gaza. Am Vortag bereitet Premierminister Benjamin Netanjahu sein Volk auf noch längere, intensivere Kämpfe vor, während die Palästinenser erklären, allein in der Nacht zum Dienstag seien etwa 100 Menschen durch Bombardements und Artilleriefeuer der Israelis umgekommen, etwa 1000 sind es seit Beginn der Operation. Nach Angaben der israelischen Forschungseinrichtung Meir Amit Intelligence and Information Center ist nur bei einem knappen Drittel der Toten einigermaßen gesichert, dass es sich um Kämpfer handelt, bei einem weiteren Drittel ist das unklar, mindestens ein Drittel der Toten sind Zivilisten. Angesichts dieser Zahlen ist die Frage, wie lang ein Krieg dauern darf, eine dringende, schmerzhafte. Aber letzten Endes gibt es auf diese Frage nie eine gute Antwort. Jeder Tote im Krieg ist einer zuviel. Nur eine Begründung ist dafür überhaupt denkbar – die, dass damit noch mehr Tote verhindert werden.

Der Gaza-Konflikt ist einer, der immer wieder aufreißt. In den Jahren seit 2008 hat die Terrororganisation Hamas offenbar fast alle Ressourcen, die ihr von Hilfsorganisationen und internationalen Gebern zur Verfügung gestellt wurden, in die Vorbereitung neuer Angriffe auf Israel gesteckt, in mehr Raketen, ausgefeiltere Angriffstunnel. Wenn die Hamas jetzt wirklich entscheidend geschwächt wird, wie Netanjahu es verspricht, dann kann diese Operation weitere Gewalt verhindern. Die Chance immerhin besteht. Nie war die Miliz in der muslimischen Welt isolierter als jetzt: Die ihr freundlich gesinnten Muslimbrüder in Ägypten sind gestürzt. Mit ihren Finanziers in Syrien und im Iran haben es sich die Islamisten selbst verscherzt, weil sie sich mit der Rebellion gegen den syrischen Präsidenten Assad solidarisierten. Die einzigen Kräfte, die Hamas noch stützen, sind die Türkei und das kleine, aber reiche Golfemirat Katar. Doch Letzteres steht ohnehin international unter Druck, weil seine Unterstützung islamistischer Milizen von Libyen bis zum Irak außer Kontrolle geraten zu sein scheint. Und solche internationalen Sponsoren waren es schon immer, die Hamas stark gemacht haben, nicht die Zustimmung der Bevölkerung, die den Islamisten in Gaza ausgeliefert ist.