Raketeneinschlag

Libyen droht eine Katastrophe

Verfeindete Milizen schießen am Flughafen Öltanks in Brand. Ausländer werden evakuiert

Libyens staatlicher Ölkonzern NOC hat vor einer „Katastrophe für Mensch und Umwelt“ gewarnt, nachdem bei den Gefechten in der Hauptstadt Tripolis ein gigantischer Treibstofftank in Brand geraten ist. Der sechs Millionen Liter fassende Speicherbehälter sei von einer Rakete getroffen worden, sagte Unternehmenssprecher Mohammed al-Hrari am Sonntagabend. Da angrenzende Tanks mit insgesamt mehr als 90 Millionen Litern Fassungsvermögen sowie ein Erdgasspeicher ebenfalls Feuer fangen könnten, drohe eine gewaltige Explosion. Diese könne in einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern schwere Schäden anrichten. Nach Angaben des Sprechers versuchten Einsatzkräfte der Betreiberfirma Brega und des Zivilschutzes, die Flammen unter Kontrolle zu bringen. „Wenn ihnen das nicht gelingt, wird ein großes Unglück passieren.“ Die Mitarbeiter am Standort der Anlage hätten diese aus Angst vor weiteren Raketeneinschlägen bereits verlassen.

Die Treibstoffbehälter befinden sich entlang der Straße zum internationalen Flughafen von Tripolis, die im Kampfgebiet rivalisierender Milizen liegt. Diese liefern sich seit zwei Wochen Gefechte um den Flughafen, nach Regierungsangaben wurden dabei rund 100 Menschen getötet. Der Flugbetrieb in Tripolis ist seit Beginn der Kämpfe am 13. Juli eingestellt. Am Sonnabend waren bei Kämpfen zwischen Milizen in der Nähe des Flughafens 23 Menschen ums Leben gekommen. Bei ihnen handelte es sich nach einem Medienbericht um Arbeiter aus Ägypten, deren Haus von einer Rakete getroffen wurde.

Nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 ist Libyen bis heute nicht zur Ruhe gekommen, vielmehr versinkt das Land zunehmend im Chaos. Rivalisierende Milizen kämpfen um die Vorherrschaft und Kontrolle verschiedener Städte und Landesregionen.

Unterdessen verlassen die meisten Ausländer das nordafrikanische Land. Nachdem am Wochenende die USA ihre Botschaftsmitarbeiter aus Tripolis gebracht hatten, ziehen nun immer mehr europäische Länder nach. Inzwischen hat auch das Auswärtige Amt in Berlin seine Diplomaten aus der Botschaft in Tripolis abgezogen. Neben Deutschland riefen unter anderem Frankreich, Spanien, Großbritannien, Polen und die Niederlande ihre Staatsbürger zur sofortigen Ausreise auf.

„Wir haben evakuiert“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts. Die deutsche Botschaft sei jedoch nicht geschlossen worden. Mehrere Ortskräfte sind dort nach wie vor tätig. Das Außenministerium wollte keine Auskunft darüber geben, wie viele deutsche Diplomaten außer Landes gebracht wurden und auf welchem Weg dies geschah. Die Botschaft war seit längerem nur noch spärlich besetzt. Wegen der Kämpfe und der Gefahr von Entführungen hatte das Auswärtige Amt schon am Wochenende alle Deutschen aufgerufen, Libyen sofort zu verlassen.

Das französische Außenministerium teilte mit, wer noch in Libyen sei, solle so schnell wie möglich Kontakt zur Botschaft in Tripolis aufnehmen. Als Grund für den Ausreiseaufruf wurde die Verschlechterung der Sicherheitslage genannt. Das polnische Außenministerium erklärte, wegen der angespannten Sicherheitslage solle Libyen bis zur Normalisierung der Lage gemieden werden. Die Regierung in Rom hat in den vergangenen Tagen bereits mehr als 100 Italiener auf dem Landweg in Sicherheit bringen lassen.