Bürgerpredigt

Schröder spricht in der Kirche über seine Schuld

In Hannover steigt der Altkanzler zur Bürgerpredigt in die Kanzel

Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat am Sonntag in einer „Bürgerpredigt“ in Hannover auf sein politisches Handeln zurückgeblickt und Einblicke in persönliche Überzeugungen gewährt.

„Die Beteiligung der Bundeswehr an den Kampfeinsätzen im Kosovo und in Afghanistan waren die schwierigsten Entscheidungen in meinem politischen Leben“, sagte er vor rund 800 Besuchern von der Kanzel der evangelischen Marktkirche in Hannover. Die Antwort auf die Frage, ob er dabei Schuld auf sich geladen habe, laute: „Ja, natürlich.“ Denn es seien dabei Menschen gestorben und verletzt worden. „Aber man muss sich in einer solchen Situation klar machen, dass auch der, der nicht handelt, Schuld auf sich laden würde.“ Nicht zu handeln, könne zu noch größerer Schuld führen, nämlich zu unterlassener Hilfeleistung für bedrängte Menschen, sagte Schröder.

„Wirklich schwerwiegend sind für einen verantwortungsvollen Politiker die Entscheidungen, die mit dem Tod und dem Leben von Menschen zu tun haben“, unterstrich der frühere Bundeskanzler. Demgegenüber seien die Agenda 2010 und das Nein zum Irak-Krieg zwar politisch heikel und schwierig durchzusetzen gewesen. Aber moralisch seien ihm diese Entscheidungen nicht schwergefallen.

Schröder legte in der voll besetzten Kirche einen Bibeltext des Propheten Jesaja aus und kam dabei auch auf Bildungschancen für alle Menschen zu sprechen. „Es muss die Aufgabe für uns alle sein, gesellschaftliche Schranken abzubauen“, betonte er.

In seiner Generation habe die Gesellschaft auch Menschen aus „bildungsfernen Schichten“ wie ihm selbst den Aufstieg ermöglicht. Heute mache er sich an diesem Punkt Sorgen: „Ich fürchte, dass die Gesellschaft wieder geschlossener wird für diejenigen, die sich um ihren Aufstieg bemühen und sich für die Gesellschaft einsetzen wollen.“

„Ich bin nicht fest im Glauben“

Weiter räumte Schröder Zweifel an Glaube und Religion ein. „Ja, ich bin Mitglied der Kirche. Nein, ich bin nicht fest im Glauben“, sagte er. Er sei in Glaubensdingen vielmehr ein Suchender, ihm selbst fehle das Gottvertrauen. „Ich bin mit dieser Frage nicht fertig, und wahrscheinlich werde ich damit nie fertig.“ Deswegen habe er bei seiner Vereidigung zum Kanzler in den Jahren 1998 und 2002 auch auf die Formel „So wahr mir Gott helfe“ verzichtet.

„Und trotz meiner Zweifel bin ich ein überzeugtes Mitglied der Kirche“, betonte Altkanzler Schröder vor rund 800 Menschen auf der Kanzel der voll besetzten Marktkirche in der niedersächsischen Landeshauptstadt. „Denn es tut gut, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich an einem festen Wertekanon orientiert“, sagte er. Er könne gut damit leben, dass Glaube und Zweifel zusammengehörten.

Schröder, der in Hannover lebt, stand von 1998 bis 2005 als siebter deutscher Kanzler an der Spitze der Bundesregierung. Die Marktkirche bittet zweimal im Jahr prominente Nichttheologen aus Hannover auf die „Bürgerkanzel“.