Flüchtlingswelle

Mailand ruft den Notstand aus

Tausende Flüchtlinge sind am Bahnhof der Stadt gestrandet

Eine Flüchtlingswelle brandet nach Europa, vor allem aus Afrika und dem Nahen Osten. Menschen entfliehen den Bürgerkriegen und Umwälzungen ihrer Heimat. Sie steigen auf Schiffe und Lastwagen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Das Tor zu Europa ist häufig Italien. Die Insel Lampedusa im Mittelmeer liegt in der Nähe der afrikanischen Küste. Fast im Tagesrhythmus wagen Menschen in völlig überfüllten Barkassen die Überfahrt und riskieren ihr Leben. Die italienische Marine eilt von einem Einsatz zum nächsten, nicht immer gelingt die Rettung.

Klagte anfangs nur der Süden des Landes, so ist das Flüchtlingsdrama inzwischen zu einem Problem für ganz Italien geworden. Die Situation im Norden spitzt sich zu. Gerade Mailand ist betroffen. Viele der afrikanischen und arabischen Flüchtlinge wollen nach Deutschland, Großbritannien, in die Niederlande oder nach Skandinavien. Die lombardische Metropole ist für sie die logische Durchgangsstation. Von hier aus ist die Schweiz ganz nah. Doch aufgrund der Grenzkontrollen müssen sie in Mailand Halt machen. Oft nicht nur für Tage, sondern für Wochen und Monate.

Zwischen Oktober 2013 und Juli 2014 strandeten nach Angaben der Stadt Mailand rund 14.500 Flüchtlinge. Bei mehr als 3800 soll es sich um Kinder handeln. Auf den Ansturm ist die Stadt mehr schlecht als recht vorbereitet. Es fehlt an Unterkünften und finanziellen Mitteln. Häufig wird die Stadt nicht einmal informiert, wenn wieder Großgruppen aus dem Süden am Bahnhof ankommen. Die Regierungsräte Pierfrancesco Majorino und Marco Granelli, die für die Ressorts Soziales und Sicherheit zuständig sind, schlagen Alarm und fordern Unterstützung aus Rom. „Mailand ist wie andere Städte mit einer noch nie da gewesenen Welle an Personen konfrontiert. Männer, Frauen und Kinder reisen durch das Land, ohne dass das zentral koordiniert wird. Das ist ein Strom, der in der nahen Zukunft nicht abebben wird“, sagen Majorino und Granelli.

Weil die Stadt es alleine nicht stemmen kann, springen die katholische Kirche und private Verbände in die Bresche. Die Caritas Ambrosiana, die zur Diözese Mailand gehört, mobilisiert ihr Netzwerk. Gebäude, die derzeit leer stehen, werden für die Flüchtlinge freigeräumt und in Auffanglager umgewandelt. Ein Schwesternorden trat beispielsweise einen Komplex in der Via Padre Carlo Salerio im Nordwesten der Stadt ab. Daraus wurde das Flüchtlingsheim „Casa Suraya“, benannt nach dem ersten syrischen Neugeborenen in Mailand.

Flankiert wird die Kirche von gemeinnützigen Organisationen. Dazu zählen die City Angels. Die Männer und Frauen mit den roten T-Shirts und den blauen Baskenmützen kümmern sich seit nunmehr bald 20 Jahren um Menschen, die auf der Straße leben. Gegründet wurden die City Angels von Mario Furlan, 49. Furlan, der als Jugendlicher Hooligan und drogenabhängig war, ließ seine feste Stelle bei einem Verlagshaus sausen, um Obdachlosen zu helfen. „Ich dachte mir: ‚Wäre es nicht schön, wenn es auf der Straße gute Engel gäbe?‘“, sagt Furlan, der heute hauptberuflich Motivationstrainer ist. Unter seiner Führung breiteten sich die City Angels in Italien aus. 500 Freiwillige packen mit an, 100 davon in Mailand. Gesponsert werden sie von der Stadt und von privaten Gönnern wie beispielsweise dem Rotary Club. Die Lösung für das Flüchtlingsproblem? Furlan nimmt Europa in die Pflicht. „Italien tut meiner Meinung nach das, was es tun kann. Aber andere Länder in Europa tun nicht alles, was sie tun könnten. Sie sagen: ,Das ist Sache von Italien‘“, sagt Furlan. „Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit findet nicht statt.“

Ministerpräsident Matteo Renzi, 39, setzt genau hier an. Seit dem 1. Juli hat Italien die EU-Ratspräsidentschaft inne. Der seit Mitte Februar amtierende Premier will die Gelegenheit nutzen, um einen langen Forderungskatalog gegenüber den europäischen Partnern durchzusetzen. Renzi macht sich dafür stark, dass die EU mehr für die Kontrolle der Grenzen ausgibt. Die Operation der italienischen Marine, Mare Nostrum genannt, soll künftig unter dem Dach der Agentur Frontex laufen, die für die Bewachung der EU-Außengrenzen zuständig ist. Zudem pocht Italiens Regierung auf eine Reform der Asylgesetzgebung. Die europäischen Regeln schreiben im Rahmen der Dublin-II-Vereinbarung vor, dass ein Flüchtling nur in einem Land einen Asylantrag stellen darf und dort auch bleiben muss. Renzi will das ändern, was im Land auf breite Zustimmung stößt.