Gaza-Konflikt

„Ein Großteil deutscher Medien berichtet voreingenommen“

Initiative: Israelfeindliche Tendenzen in TV und Presse sind mitverantwortlich für antijüdische Aggressionen

Vor dem Hintergrund gewalttätiger Ausschreitung gegen proisrealische Demonstranten bei Protestaktionen zum Gaza-Konflikt wird zunehmend auch Kritik an der Berichterstattung in deutschen Medien laut. Folgt man den Stimmen dieser Kritik, werden nicht nur bei Demonstrationen „rote Linien überschritten“, wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Dienstag in Bezug auf antijüdische Vorfälle bei Kundgebungen gegen Israels Politik feststellte. Nicht nur anonym und im Internet wird Stimmung gemacht. Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist derzeit schwer beschäftigt, üble Kommentare von seiner Facebook-Seite zu entfernen. Auch an seriösen Erzeugnissen der deutschen Publizistik gibt es heftige Kritik. „Artikelüberschriften sind oft propagandistisch – gegen Israel ausgerichtet.“ Das sei einer der Gründe, „warum es zu antijüdischen Aggressionen auf deutschen Straßen gekommen ist“, kritisiert eine Kölner Initiative, die jetzt sogar zu einer Demonstration gegen den WDR aufruft.

Stefanowitsch hat über sechs Tage lang 170 Nachrichtenüberschriften deutscher Medien analysiert und stellte dabei eine „systematische Asymmetrie in der Darstellung der Akteure“ zu Ungunsten der israelischen Seite fest. „Dass die Gewalt nicht mit israelischen Militäraktionen begonnen hat, sondern durch den jahrelangen Raketenbeschuss der Hamas auf israelische Zivilisten, wird zu selten erwähnt“, meint Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee (AJC) Berlin. Ohne die Nennung dieser Tatsache fände eine Verdrehung von Ursache und Wirkung statt. „Dem Leser, Hörer oder Zuschauer wird so suggeriert, dass Israel und Hamas an der Eskalation des Konfliktes gleichermaßen schuldig seien“, erläutert Berger.

Über das Ausmaß antisemitischer Hasspropaganda, die im Gazastreifen selbst und im gesamten arabischen Raum von offiziellen Medien über Satelliten auch in Europa verbreitet wird, werde in Deutschland, „wenn überhaupt, nur sehr selten berichtet“, so Berger. „Auf diesem Boden wächst ein immer stärker werdender Antisemitismus in der arabischen Welt, aber auch in Deutschland.“

Besonders kritisch wahrgenommen wurde auch ein Interview des ARD-Morgenmagazins mit Jürgen Todenhöfer, der sehr einseitig mit der israelischen Politik ins Gericht gegangen war. „Mir ist unbegreiflich, wie verantwortungsvolle und seriöse Medien Ihnen ein Forum bieten können, um Ihre Anschauungen zu verbreiten, die offensichtlich jeden Bezug zur Realität verloren haben“, beklagte sich daraufhin in einem offenen Brief die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, und bezeichnete Todenhöfer als „beseelt von islamistischem Gedankengut“.

Ein als „Nahostexperte“ bezeichneter Jürgen Todenhöfer spreche von einem „Rachekrieg“ Israels und bediene damit „uralte antisemitische Klischees“, meint auch AJC-Direktorin Deidre Berger. Kritisiert werden auch Teile der Berichterstattung des ZDF, in dessen Sendungen immer wieder vor allem nur die israelische Seite in ihrem gewaltsamen Vorgehen gezeigt werde. Dabei seien etwa im „Heute-Journal“ vom Moderator Sätze gefallen wie: „Die israelische Kriegsmaschinerie kommt in Fahrt.“

In Köln wird für Donnerstag wegen „einer verzerrten Berichterstattung über den Gaza-Konflikt“ zu einer Demonstration gegen den WDR aufgerufen. Empörung habe besonders „die Berichterstattung des WDR über die Konfrontation von proisraelischen und propalästinensischen Demonstranten in Essen am 18. Juli“ hervorgerufen. Dabei sei die von den „propalästinensischen Demonstranten ausgehende Gewaltandrohung und auch tatsächlich ausgehende Gewalt unserer Meinung nach sträflich verharmlost“ worden, begründet die Initiatorin Monika Winter die Aktion von bislang 150 Aktivisten.

Zuhaltender Botschafter

Die Kritik an der Berichterstattung zum Gaza-Konflikt müssen sich nicht nur deutsche Medien gefallen lassen. Jehudi Kinar, israelischer Botschafter in Belgien und Luxemburg, fasste jüngst seine Einschätzung über die belgische Presse so zusammen: „Die Politiker und Parlamentarier lesen täglich diese völlig unausgewogene und israelfeindliche Berichterstattung in der Presse und werden dadurch beeinflusst, was auf Dauer der Entwicklung unserer Beziehungen nur schaden kann.“

Zurückhaltend fällt im Vergleich dazu die Stellungnahme des israelischen Botschafters in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, aus. „Allgemein empfinde ich die Berichterstattung bis jetzt als fair und denke, dass sie ein ausgewogenes Bild von Israel und seinen sicherheitspolitischen Herausforderungen vermittelt“.