Kommentar

Die Schlafwandler Europas

Michael Stürmer über den Absturz von MH17 und die Folgen

Das schauerliche Ende des Fluges Malaysian Airlines MH17 ist nicht, wie andere Abstürze zuvor, Tragödie aus technischer Ursache oder aufgrund menschlichen Versagens, sondern ein Verbrechen. Die Verantwortung wiegt schwer, wo immer sie am Ende festzumachen ist. Indizien weisen direkt, weil nur die russische Armee über die entsprechende Luftabwehr verfügt, und indirekt, weil die ostukrainischen Aufständischen nicht ohne Einweisung feuern konnten, nach Moskau. Die Verzögerungen bei der Analyse des schrecklichen Geschehens lenken ungewollt den Verdacht auf jene, die in der Ostukraine das Kommando führen – aus eigener Ermächtigung oder, wahrscheinlicher, als Stellvertreter russischer Geheimdienste.

Die Ukraine-Krise, als ob sie nicht seit der Krim-Annexion ernst genug wäre, Brennpunkt eines neuen Ost-West-Konflikts, hat durch die Untat im Donbass einen hochgefährlichen Schub ins Globale erhalten. Das Ergebnis kann im besten Fall ein Innehalten auf dem Weg in immer mehr Konfrontation sein, im schlimmsten Fall droht die Eskalation ins Unkontrollierbare. Wenn es nicht gelingt, wieder einen dem Ernst der Lage angemessenen Gesprächston zu finden und dazu die Bereitschaft, einander zuzuhören und „backchannels“ zu aktivieren, dann werden bald aus Treibern nur noch Getriebene. Das gilt für den Kremlherrn, der Kräfte des Ressentiments, des Nationalismus und der Gewalt entfesselt hat. Es gilt aber auch für jene, die mit Bestrafungen verschiedener Art, von symbolisch bis schmerzhaft, ihn wieder in den Kooperationsmodus zwingen wollen.

Das Wort des Sommers 1914 lautete „Schlafwandler“: Bei ruhiger Betrachtung wussten alle Beteiligtem, dass jeder für sich mehr zu verlieren hatte, als jemals militärisch zu gewinnen war. Geschichte, nach Jacob Burckhardt, macht „nicht klug für ein andermal, sondern weise für immer“. Davon allerdings ist die Welt des Sommers 2014 weit entfernt.

Sanktionen sind nicht Krieg, aber Frieden sind sie auch nicht. Deshalb gelten für sie Regeln von beidem. Abschreckung gehört dazu, Verweigerung von Zielen, aber auch positive Verstärker für den Fall des Einlenkens. Gesichtswahrung beider Seiten ist Voraussetzung für begrenzte Rückzüge, wie Präsident Kennedy sie in der Kuba-Krise 1962 verhandelte.

Man muss die gegenwärtige Weltkrise von ihrem Ende her denken. Dann wird nicht nur deutlich, was beide Seiten zu verlieren haben, sondern auch, wie viel an Weltordnung auf dem Spiel steht.