Kommentar

Unser aller Schande

Richard Herzinger über das Urteil zum Massaker von Srebrenica

Das Massaker von Srebrenica im Sommer 1995 ist einer der größten Schandflecke der europäischen Nachkriegsgeschichte – und einer der am erfolgreichsten verdrängten. Deshalb ist es gut, dass ein Gericht in Den Haag dieses grausige Ereignis jetzt wieder in unser aller Gedächtnis gerufen hat. Nach seinem Urteil sind die Niederlande für den von serbischen Truppen verübten Massenmord an 8000 männlichen Bosniern mitverantwortlich. Waren es doch niederländische Soldaten, die den Abtransport von 300 zur Ermordung bestimmten Personen zugelassen oder sogar logistisch unterstützt haben, die sich auf dem Gelände der Blauhelme befanden.

Wenn jetzt aber von einer nationalen Schande der Niederlande gesprochen wird, ist das zwar nicht falsch, aber viel zu kurz gegriffen. Denn nur, weil Niederländer zum Zeitpunkt des Geschehens vor Ort Dienst taten, geht die Auslieferung der Opfer an ihre Schlächter keineswegs allein auf das Konto ihres Landes. Die wahre Verantwortung tragen die UN, die Srebrenica zur Schutzzone deklariert hatten – ein Hohn, wie sich herausstellte. Und die Nato, die mit seiner Überwachung beauftragt war, rührte keinen Finger, um zu verhindern, dass die Soldateska des Generals Mladic das Schutzgebiet überrollte. Vergeblich hatte der niederländische Kommandant von ihr Luftunterstützung angefordert.

Das Verhalten der Blauhelme war somit nur der unmittelbare Ausdruck des Versagens. Die Europäer hatten sich ihr illusionäres Hochgefühl nicht trüben lassen wollen, mit dem Ende des Kalten Krieges sei eine Friedensepoche angebrochen. Am wenigsten Grund, sich über die kampfesunwilligen Niederländer zu erheben, haben die Deutschen. Stellten sie damals doch noch grundsätzlich keine militärischen Kräfte außerhalb des Nato-Gebiets zur Verfügung – ausgerechnet als Lehre aus dem NS-Völkermord.

Kein verantwortlicher Politiker wurde für die Preisgabe von Srebrenica je zur Rechenschaft gezogen. Damit sich Ähnliches nicht wiederhole, bekannten sich die UN 2005 jedoch zu einer „Schutzverantwortung“ der internationalen Gemeinschaft. Heute aber, da in Deutschland schon der Gedanke an bewaffnetes humanitäres Eingreifen kritisiert wird, sind wir gut beraten, uns auf Erfahrungen wie die von Srebrenica zu besinnen, aus der dieser Gedanke erwuchs. Und sich des Preises zu vergegenwärtigen, der für Untätigkeit angesichts des Genozids zu entrichten ist.