Kommentar

Wir Deutschen können Samba

Raik Hannemann über die Außenwirkung des WM-Triumphs

Berlin rüstet zum großen Empfang für die Helden von Rio, nach dem Gewinn des vierten Weltmeistertitels in ihrem Nationalsport Nummer eins taumelt die deutsche Nation glückselig der finalen Sommerparty am Brandenburger Tor entgegen. Gut 35 Millionen Menschen hatten Sonntagnacht das Endspiel gegen Argentinien am Fernsehschirm verfolgt, zum neuen Quotenrekord hinzu kommen noch die unzähligen Besucher der bundesweiten Public Viewings. Kurzum, der Fußball hat dieses Land mal wieder vereint, wie es sonst wohl kein anderes Thema mehr vermag, er ist für einen Sommer lang quasi sein Pulsschlag gewesen.

Das hat Tradition: Der erste Titelgewinn im Jahr 1954 gilt vielen als emotionale Geburtsstunde der Bundesrepublik, mit der das Nachkriegstrauma erst wirklich verarbeitet wurde. Der zweite Triumph mit Heimvorteil 1974 krönte dann die Zeit des Wirtschaftswunders und der dritte 1990 schließlich die deutsche Wiedervereinigung.

Und diesmal?

Womöglich hat der Erfolg in Brasilien solche historische Konnotation ja gar nicht – und trotzdem positive Wirkung in die Gesellschaft. „Deutschland muss irgendwie mit der Rolle eines Klassenbesten zurechtkommen, und der Sport bietet eine Möglichkeit, das einigermaßen akzeptabel hinzubekommen“, lautet eine sehr verständliche Deutung des Kölner Philosophen Martin Gessmann. So überzeugend und zielgerichtet die deutsche Mannschaft auf dem Rasen auch auftrat, so zurückhaltend und wenig überheblich kamen die Spieler nach dem Abpfiff rüber. Und tatsächlich ist es genau diese Attitüde, die nun alle Welt – neben der spielerischen Leichtigkeit natürlich – bewundert. Die Deutschen daheim genießen diese Bewunderung in ihrer Feierlaune jetzt genauso wie die Tatsache, dass sie sich mal nicht rechtfertigen müssen für ihren Erfolg, für ihr Selbstbewusstsein, für ihren Stolz auf eine moderne und multikulturelle Gesellschaft.

Vielleicht wirkt der vierte WM-Triumph der Deutschen genau deswegen diesmal auch mehr nach außen als nach innen. Ehrliche Arbeit, Beharrlichkeit, Zusammenhalt und Vertrauen sind letztlich auch diesmal wieder die Eckpfeiler eines deutschen Triumphs gewesen. Nur wird dies auch für andere Bereiche viel leichter akzeptiert, wenn die Botschaft nicht mit Biederkeit und Kälte verbunden wird, sondern von bewundernswerten Spielern vermittelt, die bei Bedarf auch Samba können.