Gewalt

Massaker in Bagdader Wohnhaus

Möglicherweise Lynchjustiz selbst ernannter Moralwächter. Neuer Versuch einer Regierungsbildung gescheitert

Unbekannte Täter haben ein Blutbad in einem Wohnhaus in der irakischen Hauptstadt Bagdad angerichtet. Nach Polizei- und Krankenhausangaben wurden mindestens 29 Menschen getötet. Unter den Toten seien 20 Frauen, erklärte ein Polizeisprecher. Ein Polizist, der am Tatort in dem Bezirk Sajuna gewesen war, erklärte: „Als wir die Treppe hochgingen, sahen wir einige Frauenleichen, und das Blut lief die Stufen hinunter.“ Als die Beamten eine Wohnung betreten hätten, seien sie überall auf weitere Leichen gestoßen. Die Polizei riegelte den Tatort ab. Nach Angaben von Augenzeugen nahm die Polizei mehrere Menschen fest. „Das ist das Schicksal jeglicher Prostitution“, stand auf der Tür eines der angegriffenen Gebäude. Wer hinter der Tat steckt, blieb zunächst unklar. Die Angreifer seien in Allradfahrzeugen vorgefahren und hätten zwei Gebäude in Sajuna im Osten der Hauptstadt gestürmt. In dem Stadtteil von Bagdad haben schiitische Milizen nach Angaben von Bewohnern zuletzt wiederholt Frauen getötet, die sie für Prostituierte hielten. Zuletzt waren im Mai 2013 bei einem Anschlag auf ein Bordell in dem Stadtteil sieben Frauen und fünf Männer erschossen worden. Die Gegend wird von Sunniten und Schiiten bewohnt. Ob es sich bei dem Wohnhaus um ein Bordell handelte, ist unklar.

Seit die radikalislamische Gruppierung Islamischer Staat (IS) am 9. Juni im Verbund mit anderen Gruppen eine Offensive im Norden des Iraks gestartet hat, kommt es vermehrt zu Gewalttaten. IS brachte zahlreiche Städte und Regionen unter ihre Kontrolle und rief ein sogenanntes Kalifat aus. Der frühere Stellvertreter des getöteten irakischen Machthabers Saddam Hussein, Issat Ibrahim al-Duri, meldete sich offenbar in einer Audiobotschaft zu Wort und stellte sich hinter die dschihadistische Offensive im Land. In einer am Sonnabend im Internet veröffentlichten Aufnahme, die dem 72-Jährigen zugeschrieben wurde, lobt eine verzerrte Stimme „die Helden und Ritter von al-Qaida und Islamischer Staat“. Die Echtheit der Botschaft an die Kämpfer des Terrornetzwerks und der sunnitischen Extremistengruppe konnte nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Al-Duri befindet sich seit dem Sturz Saddams und seiner sunnitischen Staatsführung im Jahr 2003 auf der Flucht.

Am Sonntag unternahm das Parlament in Bagdad einen weiteren Versuch, eine neue Regierung zu bilden. Der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist stark geschwächt. Die Sunniten im Land fühlen sich stark benachteiligt, die Kurden im Norden agieren zusehends unabhängig von Bagdad. Die sunnitischen Abgeordneten im Irak haben sich auf einen Parlamentspräsidenten geeinigt. Salim al-Dschuburi solle den Posten übernehmen, teilte der Abgeordnete Mohammed al-Karbuli am späten Sonnabendabend mit. Der amtierende Vorsitzende Mahdi al-Hafidh brach die Versammlung nach 30 Minuten ab, weil sich kein Kompromiss über die Kandidaten für die wichtigsten Staatsämter abzeichnete. Das Parlament soll am Dienstag wieder zusammenkommen. Al-Dschuburi habe versprochen, eine dritte Amtszeit für Ministerpräsident Nuri al-Maliki nicht zu unterstützen, sagte al-Karbuli.