Weltmeister

Die Vollendeten

Deutschland bezwingt Argentinien durch ein Tor von Götze in der Verlängerung und ist zum vierten Mal Weltmeister

Die letzten Sekunden wurden zur Qual. Fast vier Minuten ließ Schiedsrichter Nicola Rizzoli (Italien) nachspielen, obwohl nur zwei Minuten angezeigt waren. Dann war es vollbracht. Deutschland schlägt Argentinien im WM-Finale von Rio mit 1:0 nach Verlängerung durch ein Tor von Mario Götze in der 113. Minute und ist zum vierten mal Fußball-Weltmeister.

Danach brachen alle Dämme. Selbst Bundestrainer Joachim Löw konnte und wollte seinen Tränen nicht zurückhalten. Die ganze Anspannung der vergangenen Wochen musste raus. Die Titelmission, die Löw vor acht Jahren begonnen hatte, ist vollendet. Auf dem Feld fielen sich die Spieler, ebenfalls mit Tränen in den Augen, um den Hals. Erschöpft, wie Bastian Schweinsteiger gezeichnet vom harten Spiel der Südamerikaner, aber überglücklich. Rekordtorschütze Miroslav Klose hatte seine Kinder im Arm und konnte sein Glück kaum fassen – bei seiner vierten WM endlich am Ziel. Und im Hintergrund des Maracana leuchtete die Christus-Statue in Schwarz, Rot und Gold. „Unglaublich. Der Zusammenhalt ist der Grund, warum wir Weltmeister geworden sind“, sagte Torwart Manuel Neuer: „Ganz Deutschland ist Weltmeister.“ Um kurz nach 19 Uhr Ortszeit stemmte Philipp Lahm, der Kapiän der deutschen Mannschaft, den goldenen WM-Pokal in den Himmel. „Unglaublich, was wir heute wieder geleistet haben. Die 120 Minuten, die wir geackert haben als Mannschaft. Ob wir die besten Einzelspieler haben oder was auch immer, ist vollkommen egal, man muss die beste Mannschaft haben“, sagte Lahm.

Beim Spiel der Spiele wollte Löw eigentlich auf Überraschungen verzichten. Der Bundestrainer war fest entschlossen, gegen Argentinien zum dritten Mal in Folge die Elf seines Vertrauens ranzulassen. Doch sein wohlüberlegter Plan wurde nur wenige Minuten vor dem Anpfiff durchkreuzt. Statt des zuletzt bärenstarken Sami Khediras, der sich nach dem Warmmachen mit Wadenproblemen abmeldete, musste Löw im Spiel des Lebens auf den gerade mal 23-jährigen Christoph Kramer setzen. Was für ein Paukenschlag vor Anpfiff!

Trotz der Last-Minute-Umstellung blieb Lahm auf der rechten Abwehrseite, wo es der Kapitän im ersten Durchgang überwiegend mit Di-Maria-Vertreter Ezequiel Lavezzi zu tun bekam. Um Superstar Lionel Messi sollten sich abwechselnd Linksverteidiger Benedikt Höwedes, Innenverteidiger Mats Hummels sowie die defensiven Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger und eben Kramer in seinem vierten Länderspiel kümmern. Und für die Offensive zeigten sich erneut Toni Kroos und Thomas Müller sowie Mesut Özil und der ewige Miroslav Klose verantwortlich.

Löws Mannschaft bestimmte zwar das Spiel, war aber ohne Stabilisator Khedira anfällig für Konter. Bereits nach drei Minuten war es Gonzalo Higuain, der einen verunglückten Freistoßtrick der Deutschen auf der anderen Seite fast zum frühen Stimmungsdämpfer nutzte. Der Neapolitaner war auch die Hauptfigur des nächsten DFB-Missgeschicks, als er nach einer Kopfballrückgabe von Kroos plötzlich alleine vor Torhüter Manuel Neuer auftauchte. Sein harmloser Schuss ging jedoch links am Tor vorbei (21.).

Neun Minuten später war Higuain erstmals treffsicher – aus deutscher Sicht aber glücklicherweise im Abseits. Die 30. Spielminute blieb jedoch eine echte Schockminute, da Khedira-Ersatz Kramer, der eine Viertelstunde zuvor von Ezequiel Garay mit der Schulter niedergestreckt wurde, immer noch angeknockt raus musste. Löws Lieblingsjoker André Schürrle kam – und hatte auch gleich die erste deutsche Torchance (37.). Argentiniens Torhüter Sergio Romero riss allerdings gerade noch rechtzeitig seine Fäuste hochreißen.

Anders als fünf Tage zuvor gegen Brasilien, wo 90-minütiger Einbahnstraßenfußball höchster Qualität geboten wurde, entwickelte sich von nun an im Maracana ein echter Fußballkrimi mit hochkarätigen Chancen auf beiden Seiten. Topstar Lionel Messi machte den Anfang, als er zum wiederholten Male Hummels umkurvte, Torhüter Neuer ausguckte und nur noch von Jerome Boateng auf der Linie gebremst wurde (40.). Doch auch Deutschland wollte sich durch all das Khedira-Kramer-Pech nicht verunsichern lassen und hatte noch in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit mit einem Höwedes-Kopfball die vielleicht beste Chance der ersten Halbzeit – der Ball klatschte nur an den Pfosten, welch ein Pech. Kurz danach war der erste Durchgang vorbei.

Mehr als 15 Minuten durchatmen war allerdings nicht drin. Bereits zwei Minuten nach dem Wiederanpfiff schlich sich mit Messi ausgerechnet der wohl beste Spieler der Welt im Rücken Boatengs davon und kreuzte wie aus dem Nichts alleine vor Neuers Tor auf. Doch auch der Schuss des vierfachen Weltfußballers wollte nicht den Weg ins Netz finden.

Argentiniens Nummer 10 blieb in den wenigen Aktionen, die er hatte, brandgefährlich. So wie in der 75. Minute, als er quer zur Strafraumgrenze ging und zum Schuss ansetzte, der glücklicherweise weit links am Tor vorbeiflog.

Nach 82 Minuten setzte Özil nach einem mustergültigen Konter mit einem Pass Kroos am Strafraum in Szene. Doch der Versuch blieb harmlos. Es schien der Startschuss für die deutsche Schlussoffensive werden. Aber die Argentinier berappelten sich – Verlängerung.

Und Schürrle hatte nach Vorarbeit des eingewechselten Mario Götze nur wenige Minuten nach Wiederbeginn die Riesenchance zur Führung, Torwart Sergio Romero stand goldrichtig. Im direkten Gegenzug musste Boateng in höchster Not retten. Die Spannung war zum Greifen, Palacios Heber geht nach Stellungsfehler Hummels über Neuer hinweg, aber auch links am Tor vorbei (97.). Es kam die 113. Minute – und die Entscheidung. Schürrle setzte sich links durch, flankte auf Götze. Und der Münchner nahm den Ball an und haute ihn volley an Romero vorbei – 1:0, der vierte Stern.