Kommentar

Rausch statt Rumpelfußball

Hajo Schumacher über den 7:1 Sieg Deutschlands gegen WM-Gastgeber Brasilien

Es war ein Rausch, ein Traum, es waren wohl die bizarrsten Fußballminuten, die dieses Land seit 60 Jahren erlebt hat: Binnen sechs Minuten fallen drei Tore gegen den Gastgeber und Rekordweltmeister. Nach einer halben Stunde steht es 5:0, am Ende ist Brasilien gedemütigt wie nie zuvor. Und der Youngtimer Klose hat nebenbei den Titel des erfolgreichsten WM-Torschützen ergattert, vom Brasilianer Ronaldo.

Als guter Deutscher muss man diese Leistung natürlich umgehend relativieren. Die brasilianische Mannschaft ist keine herausragende. Die Abwehr nur ein leichter Nebel, das gewohnt Aggressive an der Mittellinie nicht da, das Spielsystem leicht auszurechnen. Mit dem Neymar-Schock, einem übermotivierenden Trainer und einer erwartungshungrigen Nation im Nacken wurden Fußballer aus der Hulk-Klasse nicht fertig, die spektakulär aussehen, aber wohl doch besser beim Rummelboxen aufgehoben sind.

Dieses Halbfinale konterkarierte eindrucksvoll das Gelegenheitsguckergelaber von der Rückkehr des Rumpelfußballs. Selten hat eine deutsche Mannschaft so schnell, so elegant den Ball behandelt, ob Lahm, Schweinsteiger, Müller oder Neuer, der nicht etwa wahnsinnig ist, sondern ein aufmerksamer, schneller Torwart. Diese deutsche Mannschaft ist abgeklärt wie seit 20 Jahren keine. Gereift im etwas zu kurzen Sommermärchen 2006 und dem Gefühlsgewitter von 2010, gestärkt in einer der stärksten Ligen der Welt, finalerprobt in der Champions League, gewachsen an einem Land, das einfach zu deutsch ist, um einfach nur zu jubeln.

Was haben wir schon wieder Untergänge prophezeit, nach dem verkorksten Trainingslager, ohne den verletzten Reus. Das kann ja nichts werden, wussten wir nach dem Unentschieden im Ghana-Spiel. Diese Kicker haben gelernt, was der Psychologe als Resilienz kennt, die Fähigkeit, Krisenfestigkeit und Selbstbewusstsein zu vereinen, den Umgang mit dem Unperfekten und den Mäkeleien aus der Heimat, die sie so hassen, die sie aber zugleich gewaltig antreiben. Das Watwollnse-Interview von Peer Mertesacker nach dem Algerien-Spiel war der deutlichste Einblick in die Gefühlslage dieser Elf: „Euch werden wir’s zeigen!“, so lautete ihr leiser, aber umso entschlossener Kampfruf. Gibt es womöglich eine reziproke Funktion, dass eine maulig-distanzierte Nation mehr Kräfte freisetzt als süßlich-tränenreicher Kickerkult?

Die größte Überraschung, neben Toni Kroos, ist allerdings der Trainer, der sich stärker noch als seine Spieler dem Gegrummel seiner Landsleute ausgesetzt sah. Joachim Löw, der ohne viel Marketing-Sperenzchen und Grundsatz-Interviews ins Turnier ging, hatte die Größe, Philipp Lahm zurück in die Abwehr-Kette zu stellen. Seitdem läuft der Motor. Es gilt die alte Regel: Es gewinnen die Klugen, nicht Dickköpfe oder Heißsporne.

Was die deutsche Mannschaft den anderen noch voraus hat: Anders als in vielen anderen Nationalteams spielt die Achse seit Jahren zusammen. Neuer, Lahm, Boateng, Schweinsteiger, Kroos, Müller - das ist der FC Bayern plus X. Die meisten Spieler stammen aus eigener Zucht. Und das ist gut so. Dass ausgerechnet der Mitbegründer dieser Bayernschule im Gefängnis sitzt, gehört zu den deutschen Eigenarten. Wir kennen keine Gnade, nicht mal mit Größen, die anderswo frei herumlaufen würden. Dieses Deutsche ist nicht immer angenehm, aber sorgt im besten Fall für internationale Härte.