Untersuchung

Ehemaliger Sozialarbeiter belastet britische Regierung

Fälle von Kindesmissbrauch seien ignoriert worden. Wichtige Dokumente verschwunden

Hinweise auf Kindesmissbrauch in britischen Parlaments- und Prominentenkreisen sind nach Angaben eines Kinderschutzaktivisten über Jahrzehnte weitgehend ignoriert worden. „Niemand wollte das wirklich ernst nehmen“, sagte Peter McKelvie, der mit seinen Hinweisen im Jahr 2012 Ermittlungen der Polizei angestoßen hatte, am Dienstag in einem BBC-Interview. Immer wieder seien die Taten vertuscht und Untersuchungen verhindert worden, obwohl es ausreichend belastendes Material gegeben habe.

Nach McKelvies Angaben missbrauchten mindestens 20 Mitglieder der britischen Machtelite Kinder, sehr viele mehr hätten davon gewusst und die Taten aus unterschiedlichen Gründen verschleiert. Der 65-Jährige arbeitete früher als Sozialarbeiter und hat nach eigenen Angaben mit vielen Missbrauchsopfern gesprochen.

Die Regierung in London hat mehrere öffentliche Untersuchungen des Themas angekündigt, um den Kindesmissbrauch wirksam zu bekämpfen. Zuletzt waren die BBC und das staatliche Gesundheitssystem NHS in Verruf geraten, nachdem sich der frühere Star-Moderator Jimmy Savile und andere Show-Größen als notorische Kinderschänder herausgestellt hatten. Unter anderem soll die einst höchste Familienrichterin des Landes, Elizabeth Butler-Sloss, eine Untersuchung leiten.

Innenministerin Theresa May kündigte am Dienstag eine weitere interne Untersuchung darüber an, ob wichtige Akten bewusst weggeschafft wurden. Eine frühere Untersuchung hatte ergeben, dass in den 80er- und 90er-Jahren 114 wichtige Dokumente verschwunden waren, die möglicherweise Beweise gegen Kinderschänder in der Politik enthalten hatten. Norman Tebbit, in den 80er-Jahren Innenminister unter Margaret Thatcher, äußerte sich entsprechend: „Damals neigten die Institutionen noch mehr als heute dazu, das System zu schützen“, sagte er der BBC. Deshalb sei es zumindest möglich, dass Dinge vertuscht worden seien.

Die Beschuldigungen gründen auf ein 1983 von dem inzwischen verstorbenen Abgeordneten Geoffrey Dickens zusammengestelltes Dossier, das angeblich Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch durch mehrere Parlamentarier und andere Politiker enthielt. Der Bericht wurde damals an Innenminister Leon Brittan ausgehändigt, verschwand später aber – und tauchte bis heute nicht wieder auf. Kritiker glauben daher, dass der Skandal bewusst vertuscht werden sollte.

Eine Befragung eines ranghohen Beamten des Ministeriums vor dem Innenausschuss des Parlaments brachte am Dienstag jedoch keine neuen Aufschlüsse über den Verbleib der verschwundenen Dokumente.