Gesundheit

Apotheker erfinden sich neu

Berufsstand will mehr beraten und berührt Kompetenzen der Ärzte. Die sind skeptisch

Die Apotheker in Deutschland wollen eine neue Rolle im Gesundheitswesen einnehmen. Der Beschluss dazu kam am Mittwoch in Berlin: Die gut 100Delegierten auf der Mitgliederversammlung der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände(ABDA) stimmten für ein Strategiepapier, das einen Paradigmenwechsel für die 20.700 deutschen Apotheken bringt. „Apotheke 2030“, lautet der Titel des Zukunftsentwurfs gegen die Misere vieler Betriebe. Denn Online-Handel, schwankende Umsätze und die Probleme der Landapotheker sorgen für Unmut.

„Die Verunsicherung führte dazu, dass viele Apotheker auf ein breites Angebot mit bunter Warenwelt gesetzt haben“, sagt ABDA-Präsident Friedemann Schmidt. Nun wollen die Apotheker umsteuern. „Wir wollen nicht einfach Vertriebsstrang für Gesundheitsprodukte sein“, sagt Schmidt. Zwar hätten die Apotheker weiterhin nicht vor, in Therapieentscheidungen der Ärzte einzugreifen. Aber: „Wir werden eine aktivere Rolle übernehmen für die Sicherheit der Arzneimitteltherapie.Wir wollen dem Patienten anbieten, sich dauerhaft an seinen Apotheker zu binden, in etwa so wie an einen Arzt“, erklärt Schmidt. Das sei gerade für chronisch Kranke interessant. „Neben dem herkömmlichen Betrieb für die Laufkundschaft werden die Apotheker regelmäßige Patientengespräche anbieten – mit vorheriger Terminabsprache.“ Da könne beispielsweise in separaten Beratungszimmern darüber gesprochen werden, wie die vom Arzt verschriebenen Medikamente wirkten, ob sie richtig angewendet würden und wie eine entsprechende Lebensweise dies ergänzen könne.

„Und wer über Jahre dieselben Medikamente braucht, könnte auch ohne Arztbesuch in Zukunft sein Wiederholungsrezept bei uns bekommen“, sagt Schmidt. „Da könnten wir die Ärzte entlasten.“ Zudem laufe noch viel schief. „Immer noch sterben Menschen, weil sie mit den verschiedenen Medikamenten, die sie nehmen, nicht zurechtkommen.“

Was die Apotheker vorhaben, rührt an die Kompetenzfelder der Ärzte. So strebt Schmidt gegenseitige Konsultationen mit den Medizinern an. „Wir wollen, dass die Ärzte uns als Experten zurate ziehen, wenn es um die Arzneimittel-Therapiesicherheit geht“, sagt der Apotheker-Präsident. „Auch wenn es Vorbehalte geben sollte – wir warten mit unserer Neuausrichtung nicht auf die Erlaubnis der Ärzte.“

Die Ärzte reagieren zurückhaltend. Beide Seiten arbeiteten vor Ort gut zusammen, sagt Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Klar ist aber auch, dass die Grenzen zu den Kernkompetenzen des jeweils anderen nicht aufgeweicht werden sollten.“ Der niedergelassene Arzt kenne den Patienten in allen Facetten und wisse am besten, welche Medikamente der Patient braucht.

CDU begrüßt Neuorientierung

Hinter den geplanten Neuerungen stecken auch finanzielle Interessen. „Neben der bisherigen Grundvergütung, die sich an der abgegebenen Packung orientiert, brauchen wir eine zweite Vergütungssäule“, fordert Schmidt. Nötig sei eine Gebührentabelle ähnlich wie bei Ärzten, über die dann neue Leistungen wie Patientengespräche abgerechnet werden könnten. Bisher erhalten Apotheker pro abgegebene Packung eines verschreibungspflichtigen Fertigarzneimittels 8,51 Euro, von denen sie 16 Cent an einen Finanzfonds zur Vergütung von Nacht- und Notdiensten abführen. Zusätzlich bekommen sie für jede Packung drei Prozent des Einkaufspreises, sie müssen aber an die gesetzlichen Krankenkassen einen Rabatt von 1,80 Euro zahlen.

Die Kassen sperren sich dagegen, die Vergütung der Apotheker aufzustocken. Zu den Aufgaben gehöre die Beratung schon dazu, „und dafür werden sie bereits heute gut bezahlt“, sagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Tatsächlich sieht die Finanzlage der Apotheken in den Statistiken vergleichsweise gut aus: Nach den aktuellen Zahlen der Apothekerverbände lag das durchschnittliche Betriebsergebnis 2013 bei gut 124.000 Euro. Davon muss der Apotheker die Altersvorsorge und die Steuern abziehen. Solche satten Summen kommen vor allem in guten städtischen Lagen vor. In den kleinen Kiez-Apotheken dagegen ist die Lage schwierig.

Aus der schwarz-roten Koalition kommen positive Signale: CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn begrüßt, dass die Apotheker ihre Rolle überdenken. Es sei wichtig, dass die Ärzte Bereitschaft zeigten, sich das große Wissen der Apotheker stärker zunutze zu machen. Die Ärzte sollten dies nicht als Kompetenzverlust verstehen, sondern als Bereicherung.