Personalien

Jürgen Trittins Sonderrolle

Der einstige Obergrüne gibt sich nun als Vordenker. Das macht die Partei nervös

Ganz still wird es, als Jürgen Trittin auf die Bühne federt. Kein Flüstern mehr in den Stuhlreihen und auch kein Rascheln auf den Tischen. Zum ersten Mal an diesem Tag ist wirklich Ruhe im Saal, dabei haben sich vorher schon alle amtierenden Spitzen-Grünen am Mikrofon abgemüht. Aber erst als Trittin auftritt, der eigentlich nicht mehr amtierende Ober-Grüne, wird es leise.

An diesem Mittag spricht der 59-Jährige über die Ukraine. Die Krise schürt Ängste vor einer Neuauflage des Kalten Krieges. Von Washington bis Warschau laufen die Regierungen seit Monaten auf diplomatischen Hochtouren. Und Trittin hat einen Fünf-Punkte-Plan für eine Lösung. Schon vor Wochen hatte er sein Konzept fertig – auf dem kleinen Parteitag der Grünen will er es darlegen.

Die Stille sagt viel über das Verhältnis der Grünen zu ihrer einstigen Leitfigur. Es ist ein Spannungsverhältnis. Trittin genießt die Vieldeutigkeit, die ihn umgibt. Und er befeuert sie. Nach dem Debakel bei der Bundestagswahl und dem Abgang von der Fraktionsspitze meldete er bei seinen Nachfolgern nur den Wunsch an, als einfaches Mitglied in den Auswärtigen Ausschuss des Bundestags zu gehen. Doch aus dem Platz in dem prestigeträchtigen Gremium holt er das Maximum heraus.

Die Grünen können jeden profilierten Kopf gebrauchen. Doch Trittin wird dann zum Problem, wenn seine Nachfolger dadurch noch blasser aussehen als ohnehin schon. Aber das stört ihn nicht. Er arbeitet zwar nicht an einem Comeback. Aber er tut alles, um nicht als großer Wahlverlierer in Erinnerung zu bleiben – sondern als großer Vordenker.

Er zeigt sein spöttisches Lächeln, wenn er hinter verschlossenen Türen über seine Sonderrolle spricht. Als Dissident sieht er sich nicht. Er trumpft mit Fachwissen auf – von der Finanz- und Wirtschaftspolitik über Energiefragen zur Außenpolitik. Dieses Generalistentum ist selten in der Politik. Im Reformerflügel der Grünen sind einige inzwischen nervös geworden. Denn ein erstarkender Trittin ist für die Realos schwieriger zu handhaben als die beiden unerfahrenen offiziellen Spitzen-Linken, Fraktionschef Anton Hofreiter und Parteichefin Simone Peter.